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G A R T E N F L O R A
Allgemeine Monatsschrift
für
deutsche, russische und schweizerische Garten- und Blumenkunde
und Organ des Russischen Gartenbau-Vereins in St. Petersburg
von
Dr. Eduard Regel
Wissenschaftlicher Director des Kaiserlichen Botanischen Gartens zu St. Petersburg

Erlangen 1866
Verlag von Ferdinand Enke

Bevor wir nun zur Entwicklungsgeschichte
des zweiten Theiles des Gartenbaues,
der wissenschaftlichen Gärtnerei übergehen
und uns somit näher nach Berlin zu wenden,
sei es erlaubt, hier für den dritten Theil,
die Handelsgärtnerei vorzugreifen durch die Schilderung des OBSTBAUES in WERDER
.

 
Dreibein - Obstleiter aus Werder 
 
 Geschichtliche Notizen über die Entwicklung der Gärtnerei in Berlin und Potsdam.

A.


In der Nähe Potsdam's und der Landesbaumschule kann diese intensive Benutzung des Bodens durch Gartenbau gleichsam als Beleg dienen für die günstigen Folgen, die die Pflege der Gärtnerei in den Höchsten Kreisen auf die niedrige Bevölkerung ausübt. ( * Anm.)

Das Städtchen Werder liegt in einem etwas hügeligen Terrain, ungefähr eine Meile von Potsdam und hat im Osten die Havel. Die Hügel, die zur Obstkultur dienen,
haben keinerlei Schutz und sind grösstentheils mit Flugsand bedeckt. Der Unter-grund ist stellenweise ein bündiger Lehm, oft auch schon vollständiger Thon.
Diesem Boden nun verdankt der Bewohner von Werder seine reichen Ernten, für die
er in Berlin die beste Absatzquelle und in der Havel den besten Transportweg findet.

Das Haupterzeugniss des Bodens sind Kirschen, die entweder unregelmässig in niedrigen Bäumen auf den Hügeln stehen ( die besseren Sorten ), oder an den Landstrassen und Feldwegen der Umgegend angepflanzt sind ( die gewöhnlichen Sauerkirschen ).

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B.

Unter den guten, unter directer Aufsicht der Familie stehenden Kirschbäumen sucht man aber grösstentheils vergebens die in den Katalogen als gut empfohlenen Sorten; ein grosser Theil nämlich der dort gezüchteten Kirschen besteht aus Kernsorten,
d. h. dort gefallenen Sämlingen, die, nachdem sie einige Jahre hindurch sich als gut erwiesen, durch Veredlung fortgepflanzt werden und den Namen des Züchters erhal-ten. In diesem Verfahren der eigenen Zucht von solchen, dem Boden zusagenden Sorten liegt jedenfalls mit ein Hauptgrund der ausserordentlichen Ertragsfähigkeit der Bäume und wir glauben, nicht zu fehlen, wenn wir die empfehlenswerthesten Sorten unter den dort gebräuchlichen Namen, von denen einige sich bereits in Katalogen vorfinden, aufführen. Von den frühen Sorten ist zu nennen :

 1.) Die » Braune von Liechfeldt «, eine kleine braunschschwarze Herzkirsche mit weichem Fleische; der Baum trägt sehr reich und wächst stark in die Breite, weniger in die Höhe.

 2.) Die » Frühe Puhlmann'sche « ist ebenfalls eine nur kleine Frucht von dunkelrother Farbe; der Baum wird aber seiner Tragbarkeit wegen ebenfalls allgemein gebaut.

 3.) Die » Frühe Werder'sche «, oder » kleine Schmidt-Kirsche «, eine runde kleine Frucht, welche ähnlich der gewöhnlichen schwarzen Herzkirsche, aber reicher tragend als diese ist. Auch hier geht die Krone des Baumes bedeutend in die Breite, wodurch das Pflücken sehr erleichtert wird.

 4.) Die » Grosse frühe schwarze von Werder «, o. » grosse Schmidt-Kirsche « ist eine grosse schwarze Frucht, ebenfalls Herzkirsche von sehr süssem Geschmacke und feinem Fleische; der Baum trägt aber weniger reich als die andern.

 5.) Die » Frühe Bunte von Werder « ist eine kleine hellrothe süsse Frucht,
die alljährlich im reichlichsten Maasse trägt.

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C.

  
II. Mittelfrühe Sorten sind :

 6.) Die » Grosse Braune von Werder «, eine Frucht von vorzüglichem Geschmacke und richtiger Herzform; sie hat sehr lange Stiele und ein weiches, violett aderiges Fleisch.

 7.) Die » Ochsenherzkirsche « ist der vorhergehenden ähnlich und wird wie diese besonders viel gebaut.

 8.) Die » Doctorkirsche «. Mit diesem Namen hat der schlichte Mann eine Frucht bezeichnet, die allerdings ein jedes Examen gut bestehen und dem kritisirendsten Obstkenner munden wird; sie ist die grösste und unserer Meinung nach die schmackhafteste Frucht der Berge; ihre Gestalt ist mehr breit als lang und nähert sich der Nierenform; ihr Fleisch ist weich und sehr schmelzend; ihre Tragbarkeit aber weniger gross als die der anderen Sorten.

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D.


  III. Von späteren Sorten baut man :

 9.) Die » Grösste späte Braunschwarze « oder » späte Braune « eine Knorpelkirsche in länglicher Herzform.

10.) Die » Schwarze Knorpelkirsche « ist eine schöne schwarze Frucht
mit saftigem hartem Fleische; der Baum trägt sehr reich.

11.) Die » Bunte Knorpelkirsche « ist eine grosse rothe Frucht von herzförmiger Gestalt mit knackendem, schmackhaftem Fleische.

12.) Der » Königsknupper « ist eine vorzüglich süsse bunte Knorpelkirsche von hellrother Farbe, von der mit Genugthuung der Werder'sche Züchter erzählt, dass
der König Friedrich Wilhelm IV bei einem Besuche die Frucht hier erprobt und so schmackhaft gefunden habe, dass sich der Besitzer dieser Sorte erlauben durfte, mehrmals Früchte nach der Königlichen Tafel zu senden. Diese Sorte ist bis jetzt noch wenig gekannt und verbreitet.

 

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E.


Dies wären die erwähnenswerthen Sorten, die bei den verschiedenen Züchtern unter gleichen Namen zu finden sind; ausserdem giebt es aber noch mehrere Sämlinge, die recht gut, jedoch bis jetzt ohne Namen und allgemeine Verbreitung sind. Wie wir oben erwähnt haben, wird an den Strassen und Feldwegen vorherrschend die gewöhnliche Sauerkirsche angepflanzt, hier und da auch die gewöhnliche Bauernpflaume, die der zweite Hauptartikel der Werder'schen Cultur ist.

Von Kernobst sind es besonders Aepfel, die in grösseren Qualitäten auf den Markt kommen und zwar verdient der » Bastard Calvill « zuerst genannt zu werden ( der-selbe wurde auf der Görlitzer Pomologen - Versammlung als » London - Pepping «, bezeichnet ), der ähnlich dem » Calvill blanc « aber ohne Flecken und dauerhafter ist. Ferner der » Wachsapfel «, der rothe Stettiner, der » Rahmapfel « und eine Frucht, die als » rothes Hähnchen « in Berlin allgemein gekannt und dabei sehr gesucht ist.

Einen besonderen Antheil an der Bodenrente aber liefern die zwischen den weitläufig gepflanzten Obstbäumen cultivirten Unterfrüchte, von denen zuerst die Erdbeeren erwähnenswerth sind, die als Einfassung den allerdings nicht sehr künstlich angelegten Wegen dienen; am meisten findet man die weisse und rothe Ananas - Erdbeere, wohl auch die » Mammouth «, sowie eine kleine konische rothe Frucht cultivirt. Von Himbeeren wird nur die » Grosse Rothe « u. die » Gelbe von Malta « gebaut; von anderen Beeren die weisse und rothe Kirsch - Johannisbeere und verschiedene Sorten von Stachelbeeren. Auch einige Sorten Wein sind zu finden und zwar besonders der frühe Leipziger, der Elberling und der Schönedel. Selbst einige frühe Pfirsich sind auf dem Bergn selbst aus Samen gezogenen Halbstämmen gekommen.

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F.


Mit diesem Material erarbeitet sich nun der Obstzüchter auf dem märkischen Sande ein kleines Kapital und der Speculationsgeist hat ihn dieses bald wieder zweck-mässig anlegen gelehrt; so hat er beispielsweise sich seit einigen Jahren ein Dampf- schiff gebaut, das während des Sommers das Obst nach Berlin führt. Wer nicht zu dieser Actiengesellschaft gehört, lässt sein Obst per Wagen oder mit der Bahn nach Berlin führen. Diese Quantitäten entziehen sich grösstentheils der Rechnung und
die Zahl von 42 750 Scheffel, die einen Werth vo 60 bis 70 000 Thlr. repräsentiren, umfasst daher nur die im vorigen Jahre mit dem Dampfschiff nach Berlin transpor-tirten Früchte.

Wer sich die Bestellung als eine genau nach den Regeln der Kunst getriebene vor-stellt und vermuthet, dass vieleicht schon cordons und palmetten, sowie die anderen Hülfsmittel des französischen Baumschnittes auf den Werderschen Bergen zu finden sind, der irrt sich gewaltig, denn diese Berge geben im Gegentheil ein Bild der schein-bar grössten Unordnung. Denken wir uns über den Hügel ordnungslos Kirsch- und Pflaumenbäume gepflanzt, auf den freieren Stellen stehen Weinstöcke an Pfählen,
an deren Fuss noch die Grube ist, in der sie im vorigen Winter eingelegt gewesen
und die sie im folgenden wieder aufnehmen wird.

Mitten in einer solchen Grube und auf dem Walle stehen einige Kartoffelpflanzen
und zwischen zwei benachbarten Weinstöcken in stiller Eintracht ein mit Früchten bedeckter Himbeerstrauch und eine Johannisbeere und zwischen allen diesen in Reihen, die ungefähr den nächsten Wegen parallel laufen, vereinzelte Salatpflanzen und Zwergbohnenstauden. Dieses Durcheinander der Bestellung kommt von der rein praktischen Ansicht, dass jeder Raum, wo er auch immer sei, benützt werden müsse. Wer aber daraus auf Sorglosigkeit in der Bestellung schliessen würde,
irrt gewaltig, denn wo er auf diesen Culturflächen auch seinen Blick hinwerfen mag,
so wird er nirgends eine Spur von Unkraut finden; der Boden wird sehr oft durchge-schaufelt und auf diese Weise das Unkraut abgestochen; im Herbst werden die Stämme der Bäume gesäubert, Moos und Insekteneier entfernt und Raupennester wird man schwerlich in den gut gelichteten Kronen entdecken können.

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G.


Diese äusserste Reinlichkeit ist neben einer kräftigen Düngung das ganze Geheim-niss des Obstzüchters. Die Art und Weise dieser Düngung ist eine eigenthühmliche; es werden nämlich im Winter an zwei gegenüberliegenden Seiten eines jeden Obst-baumes in einiger Entfernung vom Stamme etwa 2—3 Fuss tiefe Gruben gemacht,
in die verrotteter Pferde- oder Kuhdung hineingebracht und wieder mit Erde bedeckt wird. Im nächsten Jahre kommen die andern beiden Seiten daran gedüngt zu werden und nun hat der Baum wieder für einige Zeit zur Genüge.

Vortheile dieser Methode sind die geringere Störung, die der Baum in seinem Wachsthum erfährt und die längere Wirksamkeit der Düngung. So liegen gegenwärtig die Culturen im märkischen Sande, der freilich einer thatkräftigen Hand und einer gesunden Intelligenz bedarf, um mit den fruchtbarsten Ländereien zu concurriren. Beide zeigt unsere Gärtnerei, und wir haben in den früher besprochenen Culturen schon weitere Beweise aus Berlin selbst beigebracht.


( * Anm.) Dieser erste Satz ist sehr charakteristisch für das vereinsgebundene wissenschaftliche Selbstverständnis des 19. Jahrhunderts. Richtiger ist für den
praktizierenden Obstbau in Werder, daß vor dem Umbruch von überwiegend Wein-
bau ( seit Mitte des 17. Jhdts.) zu erfolgreichem Obstbau, schon reiche Erfahrungen vorhanden waren, um mit den obstbaulichen Produkten auf dem Berliner Markt sich über viele Jahrzehnte behaupten zu können. Was nicht gegen gut geführte Baum-schulen in der Nähe von Werder sprechen muß. Doch die Verbreitung und Sicher-stellung eines ertragreichen Obstbaues durch Institutionen, auch auf dem flachen Lande und in den überwiegend bäuerlich geprägten Landstrichen, war ein über Jahr-zehnte sich hinziehender Prozeß, mit regional recht unterschiedlichem Ausgang.