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Auf diesen Seiten finden Sie 3 ausgewählte
B E I S P I E L E, die auf die Bemühungen verweisen, den Obstbau im allgemeinen,
in Stadtgemeinden und im ländlichen Raum und hier besonders als Straßenpflanzungen zu fördern.

Die ausgewählten Beispiele umfassen den Zeitraum von 1867 bis 1914 und betreffen

Stadtgemeinde ROTTENBURG a.N.
Landkreis B U R G D O R F  i. Han.
Landkreis N O R T H E I M
beide in der Provinz Hannover.
INDEX NEUSTART
Baumwärter in Rottenburg 
  Illustrierte Monatshefte für Obst- u. Weinbau,   Dr. Ed. Lucas in Reutlingen. 1867
  Von Lehrer
  H. Grimm, Thönse. 1910
  Königl. Garten-Inspektor E. Junge,   Geisenheim. 1914
 

Instruction für den städtischen Baumwärter in Rottenburg a.N. ( Württemberg )

§  1.  Die Stadtgemeinde überträgt die Pflege sämmtlicher ihr zugehörigen Obstbäume
( die Gesammtzahl der Bäume, die sich auf dem Areal der Gemeinde befinden, beläuft sich auf   6000 Stämme ) dem Martin Schiebel **), Gärtner dahier, auf die Dauer von sechs Jahren, nämlich vom 1. Juli 1867 bis dahin 1873.

§  2.  Derselbe hat alle erforderlichen Arbeiten bei der Anpflanzung und Pflege der Obstbäume selbst zu verrichten, oder unter seiner Aufsicht und Verantwortlichkeit ausführen zu lassen, und wird dabei durch die Gemeindebehörde oder einem von
dieser beauftragten Sachverständigen beaufsichtigt.

§  3.  Der Baumwärter erhält aus der Stadtkasse eine jährliche Aversalbelohnung
von 350 fl.— 350 Gulden = 200 Thlr. — wofür er alle in § 15 aufgeführten Geschäfte
zu besorgen hat.

§  4.  Der Baumwärter hat für die zu gewissen grösseren Geschäften nöthigen Hilfs-arbeiter zur rechten Zeit zu sorgen und dieselben nach Massgabe ihrer Leistungen
zu bezahlen. Die Stadtgemeinde wünscht, dass zu solchen Arbeiten besonders lernbegierige, jüngere Arbeiter verwendet werden.

§  5.  Der Baumwärter hat das ganze Jahr hindurch, alle 14 Tage einmal, die sämmtlichen städtischen Baumpflanzungen zu durchsehen und nöthig gewordene Arbeiten sofort zu erledigen; ausserdem ist er besonders verpflichtet, nach Stürmen
sich sogleich zu überzeugen, ob die des Pfahles noch bedürftigen Bäume nicht losgerissen, oder ob durch Windbruch andere Schäden vorgekommen sind. Auch
sind die Feldschützen gehalten, den Baumwärter von allem Aussergewöhnlichen
zu benachrichtigen.

§  6.  In jedem Spätherbst hat der Baumwärter eine genaue Angabe über die Zahl
und den Zustand der Gemeinde-Obstbäume der Ortsbehörde vorzulegen. Hierin sind besonders die abgängigen alten Bäume, wie auch die fehlenden und zu ergänzenden jüngeren, zu bezeichnen. Mit dieser Angabe hat der Baumwärter etwaige Vorschläge
zu Veränderungen, resp. Neuanlagen zu übergeben.

§  7.  Die erforderlichen Werkzeuge hat der Baumwärter anzuschaffen und selbst zu erhalten. Er hat sich zu bemühen, neuere verbesserte Instrumente und Werkzeuge,
die einen praktischen Werth haben, anzuschaffen und dadurch zu verbreiten.

   Französcher Obstgreifer
 


§  8.  Die jungen Bäume, die nöthigen Baumpfähle, Klammern, Stützen, Dornen
liefert die Stadtgemeinde; die zweckmässige Aufbewahrung der Baumstützen und
des Vorraths von Baumpfählen hat der Baumwärter mit dem Stadtpossler zu besorgen.

§  9.  Bindeweiden hat der Baumwärter selbst anzuschaffen; so auch Bast und Baumwachs. Es ist ihm gestattet, seinen Weidenbedarf aus dem Stadtwald oder Uferbau zu holen, nach vorheriger Anzeige und Bedarf. Den zum Verstreichen der Baumwunden erforderlichen Steinkohlentheer erhält derselbe vom städtischen
Gaswerk unentgeltlich. Den gewöhnlichen aus 1 Theil Lehm, 1 Theil strohfreiem Kuhmist, 1/2 Theil Asche, etwas feinem Sand und Kuhhaaren bestehenden Baum-mörtel hat er gleichfalls selbst beizuschaffen.

§ 10.  Etwa benöthigte Düngungs-Materialien, als Gülle, Compost, Dungsalz ect. ect. wird die Stadtgemeinde ankaufen.

§ 11.  Alle nöthig werdenden Fuhren, mit Ausnahme
a) des Bodenführens in die Baumlöcher und
b) der Beifuhr der Baumstotzen und Stützen aus dem Wald,
    übernimmt der Baumwärter.

§ 12.  Was nun insbesondere die Neuanlagen von Obstpflanzungen auf der städtischen Allmand und an Strassen, die Auswahl der Obstsorten, die gepflanzt werden sollen,
die Zeit der Pflanzung, die Vorbereitung des Bodens, die Baumlöcher, das Ausgraben derselben, die Entfernung der Obstbäume, die Auswahl und Beschaffenheit der anzu-pflanzenden Obstbäume, das Beschneiden, Einfüllen der Baumlöcher, das Anbinden und Begiessen, Verstreichen der Baumwunden, Eindornen, Ausputzen, Verjüngen, Umpfropfen, das Stützen der fruchtbeladenen Obstbäume, das Abkratzen der Rinde, Abraupen, Heilung des Brandes, Krebses, Harzflusses, des Frostschadens, das Behacken um die Bäume, das Düngen, Nachpflanzungen, die Aufsicht beim Einernten des verpachteten Obstes ect. ect. anbelangt, so wird der Baumwärter auf die von
Herrn Garten-Inspektor Dr. Ed. Lucas herausgegebene Schrift :

Der Obstbau auf dem Lande,
dargestellt als Entwurf einer belehrenden Instruction für Gemeindebaumwärter,
Stuttgart, J. B. Metzer'sche Buchhandlung 1850. " ( bes. § 19—126 )

hingewiesen, wovon ihm ein Exemplar zugestellt wird.

 


§ 13.  Der Baumwärter wird besonders darauf aufmerksam gemacht, dass die jungen Bäume von des Nachbars Boden wenigstens 7 Fuss ( Nussbäume 12 Fuss ) entfernt
zu setzen sind.

§ 14.  Dem Baumwärter wird 1/3 der Geldstrafen zuerkannt, für die Baumfrevel aller
Art, die durch ihn angezeigt, bewiesen und abgerügt werden; es wird ihm besonders
zur Pflicht gemacht, jeden Baumbeschädiger, der ihm zur Kenntniss kommt, sofort anzuzeigen.

§ 15.  Für die in § 3 ausgesetzte Belohnung hat der Baumwärter folgende Geschäfte zu besorgen :

 

  1 ) Allgemeine Aufsichtsführung über die städtischen Bäume;
  2 ) regelmässige periodische Umgänge;
  3 ) Berichterstattung über den Stand der Pflanzungen;
  4 ) Schutz der neu angepflanzten Obstbäume; nöthige Hilfen bei Krankheit und        Unfruchtbarkeit, und Aufsicht bei der Obst-Ernte;
  5 ) Baumlöcher auszeichen;
  6 ) Baumlöcher auszugraben;
  7 ) Baumpfähle putzen und hinauszuführen;
  8 ) an die jungen Bäume die Pfähle stellen, wie auch an ältere, wo es nöthig ist;
  9 ) Bäume setzen und anbinden;
10 ) dieselben verdornen und die Dorn hinausführen;
11 ) Bäume beschneiden und wo nöthig verjüngen;
12 ) den Bäumen hacken;
13 ) dieselben ausputzen und vertheeren an den Wunden; ferner
14 ) Abscharren,
15 ) Baumstämme mit Lehm und Kuhmist bestreichen,
      ( wenigstens alle 6 Jahre einmal );
16 ) Baumholz ( Ausputz ) zusammenlesen und auf Haufen schaffen;
17 ) Umpfropfen der Bäume, wo es nöthig ist;
18 ) Raupern der Bäume;
19 ) Umgraben derselben;
20 ) Wasserabzugsgräben öffnen;
21 ) Bäume einflechten;
22 ) Baumstützen hinausführen und aufstellen;
23 ) Bäume aufbinden;
24 ) den Boden, der auf die Baumscheiben geführt wird, ausebnen;
25 ) Begiessen der Bäume im Sommer;
26 ) Aufkrücken der Bäume; überhaupt Alles, was die Baumzucht erfordert,
      soweit nicht in § 11 und 16 eine Ausnahme gestattet ist.

 

 

 

§ 16.  Die Stadtgemeinde schafft an :

 

1 ) die jungen Bäume zur Anpflanzung, sowie den Transport hierher;
2 ) die Baumpfähle, Dornen zum Einbinden und Faschinen zum Einflechten;
3 ) die Baumklammern;
4 ) die Baumstützen;
5 ) den Theer;
6 ) die Nummernbleche.

§ 17.  Falls sich der Baumwärter in seinen Arbeiten säumig zeigen sollte, wird ihm, nach vorausgegangener Mahnung, Execution eingelegt.

§ 18.  Der Baumwärter kann nach 1/4 jähriger vorhergegangener Aufkündigung seinen Dienst verlassen. Die Stadtgemeindebehörde hat das Recht, bei erwiesenen,
grösseren Dienstesvergehen oder Dienstnachlässigkeit den Baumwärter
zu jeder Zeit zu entlassen.

§ 19.  Der Baumwärter hat die in § 3 ausgesetzte Belohnung in vierteljährigen Raten zu empfangen. R o t t e n b u r g, den 29. Mai 1867

Gemeinderath.
Wiech. Mayer. Hahn. Stein. Barth. Ruckgaber. Bolz. Neuer.
Orgeldinger. Deifel. Rebstock. Widmaier. Manz.

Der § 5 vorstehender Instruction wurden den Feldschützen zur genauen Befolgung eröffnet und ihnen aufgetragen, sobald sie Raupen an den städtischen Bäumen bemerken, dem Baumwärter unverweilt Anzeige zu erstatten.

R o t t e n b u r g, den 2, Juni 1867.

Z. B. : Stadtschultheiss Wiech

 

 


**) Derselbe ( Martin Schieble) erlernte die OBSTKULTUR in der OBSTBAUMSCHULE in Hohenheim unter meiner Leitung und zeigte sich schon damals als ein tüchtiger und praktischer Baumgärtner.