Arbeitswanderung und berufliche Spezialisierung

Die Lippischen Ziegler im 18. und 19. Jahrhundert
Piet Lourens / Jan Lucassen
SHM -
Studien zur Historischen Migrationsforschung 6

  STATISTIK ERNÄHRUNG
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01
Arbeitsorganisation und Arbeitsverhältnisse
 

Die lippischen Ziegler, zusammengeschlossen in einer Gruppe unter Leitung des Brandmeisters, der bis zum letzten Viertel des 19. Jahrhunderts als Primus inter pares galt, hatten bei ihrer Arbeit nicht allein miteinander, sondern auch mit verschiedenen anderen Personen und Instanzen zu tun. Zunächst handelte es sich dabei um den von der Regierung in Lippe ins ZIELGEBIET entsandten Ziegelboten.

Auch bei der Arbeit im Ausland bestand, über ihn vermittelt, eine indirekte Beziehung zu der eigenen Regierung. Dann gab es die Beziehung zu dem Arbeitgeber im Zielgebiet, bei der der Bote als Vermittler wiederum eine große Rolle spielte.
In erster Linie über diesen Arbeitgeber gab es schließlich eine mittelbare Beziehung zur Regierung des Zielgebietes. In Schaubild 4 ist das Beziehungsgeflecht zusammengestellt.

 
   
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Karte 4. Politisch-geographische Einteilung der Zielgebiete der lipp.Ziegler 1815 - 66

LINK : K A R T E  der ZIELGEBIETE lippischer ZIEGLER, die Karte läßt sich skalieren!

 

03
Arbeitsverhältnisse und Ernährungsweise der lippischen Ziegler
Anfang APRIL machte sich die Gruppe, zu Fuß oder, wenn möglich, auf eigene Kosten mit relativ preisgünstigen Verkehrsmitteln wie > Treckschuten <,
auf den Weg.

In der Ziegelei angekommen, suchte die Gruppe zunächst die > Zieglerkammer <
oder > Bude < auf. Dieser Raum sollte ihre Wohnung während eines halben Jahres oder länger bilden. Entlang der Wände waren Betten aufgestellt, in denen die Arbeiter jeweils zu zweit schliefen, manchmal standen die Betten auch auf dem Dachboden. Der Ziegelfabrikant sorgte für Decken und mußte die Laken alle vier Wochen waschen lassen. An den Wänden waren kleine Kästen angebracht, jedem Arbeiter stand davon einer zur Unterbringung seiner Habseligkeiten zur Verfügung. Mitten im Raum stand ein großer Tisch für die gemeinsamen Mahlzeiten. Ein Herd war ebenfalls vorhanden, auch wenn im Sommer häufig draußen gekocht wurde. Oft mußte einer der Jungen neben seiner anderen Arbeit als Koch fungieren, es wurde aber auch umschichtig gekocht. Er konnte kaum viel Dank erwarten, wie folgender Vers, ( von Fritz Wienke ), verdeutlicht:

 


> Ich kann ihn nicht beneiden,
Den armen Zieglerkoch,
Stets hat er seine Leiden,
Ich weiß`s von früher noch.

Nun aber gilt´s zu kochen
Für manches Mannes Mund.
Die Wünsche, die gesprochen,
Sie lauten oft zu bunt.

Der eine will es dünne,
Der andre will es dick,
Viel Köpfe, viele Sinne,
So, Koch, versuch´ dein Glück! (...)

Ich ließe es noch gelten,
Wenn man die Mittel hätt´:
Gewürze hat er selten,
Meist mangelt auch das Fett.

Der erste aus dem Bette,
Muß er des Morgens sein;
Wenn er nur Frieden hätte,
Er schickte sich wohl drein.

Kann man von ihm verlangen
Ein tadellos Gericht,
Wenn er den Speck sieht hangen,
Und soll ihn brauchen nicht ?

Man reitz ihn gar zum Bösen
mit all den Nörgelei´n —
Ich bin ein Koch gewesen,
Ich möcht´s nicht wieder sein !
<

 

Manchmal wurde der Koch auch gelobt, so wie im Falle Friedrich Mahlmanns.
Er war 1875 im Alter von 17 Jahren bei einer Lipper Dachpfannengruppe beschäftigt. Neben seiner Produktionstätigkeit als Walker, der dem Dachpfannenformer die Ton>blätter< zuzureichen hatte, war er auch als Koch angestellt.

Später erinnert er sich :
>> Morgens um fünf Uhr mußte schon der Kaffee fertig sein. Dann hatte ich aber
schon wie alle anderen eine Stunde gearbeitet. Wenn die Leute Kaffee getrunken hatten, machte ich bereits den Topf für das Mittagessen fertig, der über dem offenen Feuer hing. Aber über dem Kochen durfte ich nicht meine eigene Arbeit versäumen.
Ich mußte also immer so viel Blatt im Voraus fertig haben, daß für den Former keine Verzögerung eintrat.

Wenn einmal das Feuer ausgegangen war und ich erst wieder anheizen mußte,
dann rief der Former schon, daß ich wiederkommen sollte, und ich wußte oft nicht,
wo zuerst anzupacken war. Gekocht wurde jeden Tag Suppe: ERBSEN-, BOHNEN-, LINSENSUPPE. Ich erinnere mich, wie ich einmal im September in große Verlegen- heit kam. Ich hatte Bohnen in meinem Topfe, und als ich nun wieder einmal zu meiner Kochstelle lief, da bemerkte ich, wie sie über dem starken Feuer angebrannt waren. Schnell riß ich den Topf herunter, schüttete die Bohnen heraus und suchte in aller Eile die aus, die schon schwarz gebrannt waren. Ich kratzte den Kessel aus, tat den Rest Bohnen wieder hinein und frische dazu. Dann lief ich schnell und griff ein paar Handvoll Zwetschgen, die in Menge unter den Bäumen lagen, und tat die dann später in meine Bohnensuppe. Mittags war ich in Sorge, ob unsere Leute wohl etwas merkten. Dann sagte einer : > Junge, seo wat koke man jeuden Dag! Da konnte ich wieder beruhigt sein. <<

Für die warmen Mahlzeiten kaufte der Brandmeister getrockneten Speck, Erbsen, Bohnen und Linsen bei festen Lieferanten. Vom Ziegeleiherrn erhielt er hierfür einen Vorschuß auf den Lohn — irreführend > Kostgeld < genannt — für die Zieglergruppe, der wöchentlich mit den Arbeitern abgerechnet wurde. Manchmal mußte der Ziegeleiherr auch für eine Kuh oder eine entsprechende Menge Milch sorgen.
Die gemeinsamen warmen Mahlzeiten und der Kaffee wurden von allen Zieglern zu gleichen Teilen bezahlt. Die Kosten für das gemeinsame Mittagessen und den Kaffee
( die > Kommunenrechnung < ) variierten im 19. Jahrhundert zwischen drei und fünf Mark pro Woche.

Daneben sorgte jeder selbst für sein Brot, Schinken, Wurst usw.. Einen Großteil hiervon kauften sie bei festen Lieferanten im Zielgebiet, Fleischwaren brachten sie aber oft auch aus Lippe mit. Das Brot bewahrte jeder Arbeiter in seinem eigenen Schrank auf, der Speck wurde unter der Decke aufgehängt

Der Arbeitstag dauerte, wie wir sahen, solange es Licht gab. Im Sommer begann die Arbeit zwischen drei und vier Uhr am Morgen nach einem hastigen Frühstück.
Nach einem Bericht von Pothmann ( ein ehemaliger lippischer Leutnant ) aus dem Jahr 1831 bestand es aus einem Schluck Branntwein, andere sprechen von Kaffee. Danach ging jeder an seine Arbeit. Um acht Uhr etwa frühstückte man mit Kaffee und Butterbroten. Pothmann nennt auch hier wieder ein alkoholisches Getränk: warmes Bier. Um die Mittagszeit gab es eine deutlich längere Pause von anderthalb bis zweieinhalb Stunden, in dieser Zeit wurde auch die warme Mahlzeit eingenommen. Suppe war das Standardessen, hinzu kamen eventuell Speck, Rinderfett oder Kartoffeln.Daneben waren, vor allem an Sonntagen, Buchweizenpfannkuchen und
Eier mit Speck beliebt. Weiter ist im Bericht von Pothmann auch von Fleisch und Fisch die Rede. Auch hier nennt er Bier als Getränk. Nach dieser warmen Mahlzeit machte man ein Schläfchen. Dann wurde die Arbeit wieder aufgenommen, noch einmal unterbrochen gegen 18 Uhr mit Kaffee und Butterbroten. Erst wenn es dunkel war, ging dieser lange Arbeitstag mit dem Abendessen ( Grütze oder eine Mischung aus Milch und Reis,
> Kamunge < genannt ) fast zu Ende.

Fast — denn wenn der Ofen brannte, mußte auch noch Torf herangekarrt werden. Während des eigentlichen Brennens hielten einige Arbeiter zudem an den Öfen Wache. Ihre Kollegen gingen dann für eine Nachtruhe von durchschnittlich weniger
als sechs Stunden zu Bett. Mahlmann beschreibt diese Tagesende für die Betriebe
an der Unterelbe in den Jahren 1870 - 80 so :

> Die Leute saßen oft noch am Tische beim Essen, dann schliefen schon die ersten. Wenn nach dem Essen unten noch gesprochen wurde, dann klopften die Leute, die schon zu Bett lagen, auf den Fußboden des gerade darüber liegenden Schlafraumes. Ich selbst war abends meistens so müde, daß ich mich nicht mehr halten konnte <.

Weitere Quellen :
Mahlmann, Friedrich: Erinnerungen eines lippischen Ziegelmeisters, in: Lippische Mitteilungen, 42. 1973, s. 31- 57.

Wienke, Friedrich: Zieglerlieder. Gedichte, 4. Aufl. Detmold 1908.

 
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