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Inhalt: Fontane / Der Schwielow
 
Fortsetzung aus  —  J u l i
Theodor FONTANE,
                 Glindow:

— G l i n d o w , die Ziegelstreicher - Lipper,
Einheimische, Tagelöhner, und Ziegeleibesitzer —


Die Herstellung ( der Ziegel ) im Dorfe Glindow selbst erfolgt durch etwa 500 Arbeiter aller Art. Wir unterscheiden dabei fremde Ziegelstreicher, einheimische Ziegelstreicher und Tagelöhner.
Über alle drei Kategorien ein Wort.


Fremde
Ziegelstreicher werden hier seit lange verwandt. Die einheimischen Kräfte reichen eben nicht aus. Früher waren es
die > Eichsfelder <, die kamen und hier, ähnlich wie die Warthebruch - Schnitter oder Linumer Torfgräber, eine Sommer-
campagne durchmachten.

Aber die > Eichsfelder < blieben schließlich aus oder wurden abgeschafft, und an ihre Stelle traten die > Lipper <. Die behaupten noch jetzt das Feld.
lipper

Die  L I P P E R , nur Männer, kommen im April und bleiben bis Mitte Oktober. Sie ziehen in ein massives Haus, das unten Küche, im ersten Stock Eßsaal, im zweiten Stock Schlafraum hat. Sie erheben gewisse Ansprüche. So muß jedem ein Handtuch geliefert werden. An ihrer Spitze steht ein Meister, der nur Direktion und Verwaltung hat. Er schließt die Kontrakte, empfängt die Gelder und verteilt sie. Die Arbeit ist Akkordarbeit, das Brennmaterial und die Gerätschaften werden sämtlich geliefert;
der Lehm wird ihnen bis an die > Sümpfe < gefahren; der Ofen ist zu ihrer Disposition.
Alles andere ist ihre Sache.

Am Schluß der Campangne erhalten sie für je 1000 fertiggebrannte Steine einzwei-drittel bis zwei Taler. Die Gesamtsumme bei acht bis zehn Millionen Steine pflegt
bis 15 000 Taler zu betragen. Diese Summe wird aber schwer verdient. Die Leute sind von einem besonderen Fleiß. Sie arbeiten von drei Uhr früh bis acht oder selbst neun Uhr abends, also nach Abzug einer Eßstunde immer noch nah an siebzehn Stunden.

Sie verpflegen sich nach Lipper Landessitte, das heißt im wesentlichen westfälisch. Man darf sagen, sie leben von Erbsen und Speck, die beide durch den > Meister <
aus der lippeschen Heimat bezogen werden, wo sie diese Artikel besser und billiger erhalten. Mitte Oktober treten sie, jeder mit einer Überschußsumme von nahezu
100 Talern, den Rückweg an und überlassen nun das Feld den einheimischen Ziegelstreichern.

  

Die Einheimischen arbeiten ebenfalls Akkord, aber unter ganz anderen Bedingungen. Sie erhalten nicht die ganze Arbeit, sondern die Einzelarbeit bezahlt und stehen sich dabei nicht viel schlechter als die Lipper. Während der Sommermonate teilen sie den Arbeitsplatz mit den letzteren derart, daß die Lipper zur Rechten, die Einheimischen zur Linken ihre Ziegel streichen. Soweit sind sie den Lippern ebenbürtig.

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Darin aber stehen sie hinter diesen zurück, daß diese das Recht haben, ihre Ziegel zuerst zu brennen. Mit andern Worten, solange die Sommercampangne dauert,
gehört der Ofen ausschließlich den Lippern, und erst wenn diese fort sind, ziehen
die Einheimischen mit den vielen Millionen Ziegeln, die sie inzwischen gestrichen
und getrocknet haben, auch ihrerseits in den Ofen ein.

Die dritte Gruppe von Beschäftigten sind die Tagelöhner. Sie arbeiten auf Tagelohn, erhalten täglich acht Silbergroschen der Mann ( sechs Silbergroschen die Frau )
und bilden die Unterschicht einer Gesellschaft, in der die Ziegelstreicher, wie eine mittelalterliche Handwerkszunft die Oberschicht bilden.

Sie sind bloße Handlanger, Aushilfen für den groben Dienst, der keine > Kunst < verlangt, und erheben sich nach Erscheinung und allgemeiner Schätzung wenig über ein dörfliches Proletariat, das denn auch meistens in Familienhäusern untergebracht
zu werden pflegt.

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... weiter mit Th. Fontane, Kapitel Glindow, die Ziegelstreicher

Dies führt mich auf die Gesundheitsverhältnisse dieser Ziegelbrenner - Distrikte.
Die Berichte darüber gehen sehr auseinander, und während von einer Seite her — beispielsweise von Potsdamer Hospitalärzten — versichert wird, daß dieser stete Wechsel von Naßkälte und Glühofenhitze die Gesundheit früh zerstöre, versichern die Glindower Herren, daß nichts abhärtender und nichts gesunder sei als der Ziegeldienst in Glindow. Personen zwischen siebzig und achtzig Jahren sollen sehr häufig sein.

Die Streitfrage mag übrigens auf sich beruhen. Sie scheint uns so zu liegen,
daß dieser Dienst eine angeborene gute Gesundheit und gute Verpflegung verlangt —
sind diese Bedingungen erfüllt, so geht es; die kümmerliche Tagelöhnerbevölkerung aber, die > nichts drin, nichts draußen < hat und zum Teil von einem elenden Eltern-paar geboren und großgezogen wurde, geht allerdings früh zugrunde.

Der Gesammtziegelbetrieb ist, soweit Glindow selbst in Betracht kommt, in den Händen weniger Familien : Fritze, Hintze, Fiedler; etwa neun große Öfen sind im Gange. Die Gesamtmasse produzierter Steine geht bis sechzehn Millionen, früher
ging es über diese Zahl noch hinaus. Die Summen, die dadurch in Umlauf kommen, sind enorm. 1000 Steine = 8 Taler; also sechzehn Millionen ( 1000 mal 8 mal 16 ) =
128 000 Taler. Dies auf wenige Familien verteilt, muß natürlich einen Reichtum erwarten lassen, und in der Tat ist er da.

Aber wie in Werder ( schlechte Ernten an Obst ), so ist auch hier in Glindow dafür gesorgt, daß Rückschläge nicht ausbleiben, und es gibt Zeitläufe, wo die Fabriken
mit Schaden arbeiten. Überall im Lande wachsen die Ziegelöfen wie über Nacht aus
der Erde, und die Konkurenz drückt die Preise. Die Zeiten, wo 1000 Steine fünfzehn Taler einbrachten, sind vorläufig dahin, man muß sich, wie schon angedeutet, mit
acht und selbst mit siebeneinhalb begnügen.

Nun berechne man die Zinsen des Erwerbs- und Betriebskapitals, das Brennmaterial, den Lohn an die Erdearbeiter, die Ziegelstreicher ( zwei Taler ) und die Tagelöhner, endlich die Kahnfracht ( ebenfalls anderthalb Taler ), so wird sich ergeben, daß von diesen acht Talern für je 1000 Steine nicht viel zu erübrigen ist. Die Hauptsorge
machen immer die Schiffer. Sie bilden überhaupt, wie jeder weiß, der mit ihnen zu
tun hatte, eine der merkantil gefährlichsten Menschenklassen.

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Mit erstaunlicher List und Aushorchekunst wissen sie in Erfahrung zu bringen,
welche Kontrakte die Ziegelbrenner mit diesem oder jenem Bauunternehmer der Hauptstadt abgeschlossen haben. Lautet der Kontrakt nun dahin : > Die Steine müssen bis Mitte Oktober abgeliefert sein <, so hat der Schiffer den Ziegelbrenner
in der Hand, er verdoppelt seine Forderungen, weil er weiß, er kann es wagen, der Ziegelbrenner muß zahlen, wenn er nicht der ganzen Einnahme verlustig gehen will.

 
Über diesen Link > Ernährungsweise < ( Seite SEPTEMBER ) erfahren Sie mehr
über die tägliche Nahrung > Lipper Ziegelstreicher <, wie z.B. Speck und Erbsen, sowie über die regionale alte Landschaftsküche, ( besonders die westfälische Küche ) vom Ende des 19. bis in das erste Drittel des 20. Jahrhunderts.
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