aaa
          Die aktuelle Seite :  F E B R U A R  2oo5
Inhalt: HERAKLES MASCHINE / MYTHOS
Fortsetzung aus  — J a n u a r
Herakles ein Mythenkomplex              
 HERAKLES — oder »Die zwei Gesichter der Wahrheit«
    Versuch einer Annäherung von MYTHOLOGIE und EPISTEMOLOGIE


Einige
Bemerkungen vorab. Gegenstand dieser Februar-Seite ist der Versuch, einen anschaulichen Zugang zum Mythologem » HERAKLES « mit den Mitteln dieses Mediums zu entwickeln. Anschaulichkeit auch in dem Sinne, daß es eine spezifische Eigenschaft der mythenstofflichen Deutung und Wiederaneignung ist, einer literarischen „ begrifflichen Urform " in der weiteren geistesgeschichtlichen Entwicklung ( oder auch Verfallsgeschichte ), mit einem modifizierenden Begriff umzuprägen. Dafür steht als Beispiel die HERAKLES — MASCHINE, oben zu sehen. Das Prägeband ließe sich mühelos erweitern, doch entscheidet hier die Datenökonomie.

Es ist auf Anhieb nicht leicht einzusehen, was die mythische Figur HERAKLES,
oder der " Mythen - Stoff " um den die literarischen Zeugnisse und deren Rezensions-
geschichte der letzten zweieinhalb Jahrtausende kreisen, mit einer epistemologischen Denkstruktur der jüngeren Wissenschaftsgeschichte zu tun haben könnte.
anfang
Dazu arbeite ich mit verschiedenen Textauszügen und versuche sie in meinem Sinne weiter unter zu erfassen und zu interpretieren. Mit dieser Einschränkung, ich bin kein philologisch oder psychoanalytisch geschulter Mytheninterpret, verfolge lediglich die Assoziationsreihe aus den vorherigen Monatsseiten, die man wie folgt skizzieren kann: Fontanes Kindheitserinnerung / der Schulweg / Herkulesbrücke in Berlin / Werderscher Obstmarkt / und die Äpfel der Hesperiden.

Diese ganze Arbeit ist auch mehr eine Übung, als eine profunde mythenkritische Arbeit und Auseinandersetzung mit dem Mythenkomplex » HERAKLES «. Gespiegelt wird dieser Mythenkomplex mit einer naturwissenschaftlich philoso-phischen Denkerfahrung von Niels Bohr, die er mit dem Begriff der „ KOMPLEMENTARITÄT " zu vermitteln suchte.

Doch dazu einleitend mehr in dem unteren Teil der Seite, aus dem Buch von
Ernst P. Fischer, » Die zwei Gesichter der Wahrheit « — VORWORT —, und in
einigen Ergänzungen in den nächsten Wochen.

wortbedeutung
MYTHOS + MODERNE  MYTHOS + LABYRINTH  MYTHOS + AUFKLÄRUNG  MYTH

Meine erste vergleichende Arbeitsthese geht davon aus, daß der Mythos um die
Figur des HERAKLES einem menschlichen Bedürfnis nach Tradierung entspricht, und eine erfinderische Sprachschöpfung ist. Und das mit einer unverwechselbaren
Kontingenz, in Bezug auf die Ereignisverknüpfungen und die Interpretationsspielräume, die den Götter- und Heroenmythen eigentümlich sind. Die Ereignisverknüpfungen sind
gewöhnlich so angelegt, daß sich gewisse Schemata und Konfigurationen wiederholen, man ist versucht, auch eine allgemeine und doch zugleich unterschwellige Matrix als
Grundmuster, in fast allen Erzähl- und Handlungsstrukturen auszumachen.

Nun sind Begriffe wie Struktur, Matrix und Konfiguration, neuzeitlich ganz anders besetzt und werden wissenschaftlich so verwendet, daß sie vermutlich mit den Bedürfnissen antiker Erzähler und Mythographen kaum etwas gemeinsam haben.
Folgt man einer These moderner Mytheninterpretation, dann waren es eben diese überlieferten Geschichten von Göttern und Heroen, die die Menschen damals gerne hörten und die sie liebten. Damit stellt sich auch die Frage nach der Funktion von Mythos und dessen Imaginationspotential.

Übereinstimmungen mit dem gegenwärtig praktizierten Unterhaltungs- und Mediemmix sind dann kaum noch zufällig. Doch die Zeit der großen Idole ist scheinbar vorüber,
und damit ist auch die Fähigkeit zur Begeisterung und Verehrung, einer real-relativis-tischen Durchschnittlichkeit und Alltäglichkeit gewichen.

OS + PARADIES  MYTHOS + ARBEIT  MYTHOS + FASZINATION  MYTHOS + ARC

In der Mythenrezension wird oft zitiert und gerne behauptet, die Frühformen des
Mythos seien ein Ergebnis überschwänglichen, kindlich-naiven Phantasierens poeti-sierender Dichter, an der Zeitschwelle von einer sogenannten archaischer Vorstufe
( symbolischer, figurativer und ritueller Ausdrucksformen ) zu semantischen, verdich-tenden und sprachlogischen Ausdrucksformen. Eine Art Initialzündung von Kulturmor-phologie aus dem Stand.

— Es sei nur kurz angemerkt, daß sich die Fachschaften, die sich mit Mythologie, Philologie und den Altertumswissenschaften beschäftigt haben, übereinstimmend dahingehend äußern, daß sich griechische Sprache und gleichzeitig das homerische Sprachdenkmal um die Götter- und Heldengeschichten, ganz unvermittelt und scheinbar voraussetzungslos in den ägäischen Lebens- und Denkraum einge-
schrieben hat.—

In dieser Frühphase, bei Homer, wird man auch nicht viel über Herakles finden.
Einige, und in der Fachschaft nicht unbedeutende Wissenschaftler, möchten in der Figur HERAKLES einen Kulturbringer und Überwinder unbewußter, naturgebundener Lebensformen sehen. Etwa so, als wenn durch göttlichen Ratschluß im Oberhaus
des Olymp, dem Vater aller Dinge und Oberdispatcher Zeus, mit der Erzeugung
des Herakles ein verlängerter Arm erwachsen ist, der nun reinigend und konstruktiv gründend und befreiend durch die Welt jagt, um die Menschheit auf den Weg zu bringen, den sie bevorzugt noch heute beschreitet. Hier geht es, wenn ich den Heroenmythos richtig verstanden habe, doch im wesentlichen um Pragmatismus
( in der selbstlosen Erfüllung von Aufträgen ) und nicht um das Mystherienwesen,
oder gar um Philosophie.

HE MYTHOS + SYMBOL  MYTHOS + RATIONALITÄT  MYTHOS + BILDER  MYTHO
Doch der ganze Mythenkomplex um HERAKLES ist bedeutend vielschichtiger, beginnend mit der Zeugungsgeschichte und den daraus resultierenden, von einigen Interpreten gern als "skandalös" bezeichneten Familienbeziehungen. Eine sehr spezifische Form der griechischen Mythenerzählung, und diese Form entbehrt auch
nicht einer gewissen Komik, Tragik und dem qualitativen Umschlag ins Brutale.

Diese "skandalösen" Komponenten werden bevorzugt mit den Erkenntnissen aus der Wissenschaft der Psychoanalyse und deren methodischer Erkenntnis-Matrix foliert, überlagert und befragt. Da erschließt sich ein weites Feld, und man gerät manchmal
in einen Hinterhalt, aus dem unvemutet ein Vorbehalt wird. In dem Sinne, daß ich ermutigt werde anzunehmen, bei HERAKLES handelt es sich um eine Person, wie es
mein Nachbar, der Zeitungsverkäufer um die Ecke, oder auch ein Sonderbotschafter
der Europäischen Union, derzeit für mich erfahrbar verkörpert.

Wie auch oft bei den Fachinterpreten des Heraklesmythos vermerkt wird, ist der Prota-gonist eine sehr widersprüchliche Erscheinung. Hinzu kommt noch die Schwierigkeit, sein weitläufiges und den damaligen Vorstellungshorizont von einem Erdkreis betref-fenden Aktionsraum, angemessen zu interpretieren. Doch trotz dieser Widersprüch-lichkeit und wegen seines hohen Wirkungspotentials, wird er zum berühmtesten Heros
der Griechen und letztendlich in das Reich der Ewigen hinaufadoptiert.

Mit Beginn des 500 Jahrhunderts v.Chr. ist der Mythos etabliert und findet einen bedeutenden bildnerischen Ausdruck in den Kultstätten von Olympia. Die Popularität des Mythos erhält sich ungebrochen, mit wechselnder Akzentuierung über die nächs-
ten 700 Jahre, bis er von einer neuen Licht- und Überwindergestalt im römischen Staatskult assimiliert, überformt und auf weiteres ersetzt wird.
S + SYMBOL  MYTHOS + RATIONALITÄT  MYTHOS + BILDER  MYTHOS + MYTHO
titelaaa
Nach all den hier grob skizzierten Allgemeinplätzen, die den Fachmann ungeduldig
und den Laien überdrüssig machen, möchte ich doch beiden die Möglichkeit geben, sofern es diesem Medium angemessen ist und in aller Kürze, einige Eckdaten !! zum besseren Einstieg und Verständnis von Mythos, Heroenmythen und hierbei speziell
dem Mythos des HERAKLES vermitteln : sehen Sie dazu die Literaturauswahl.

1. ) HERAKLES —

2. ) HERAKLES —

3. ) HERAKLES —

4. ) HERAKLES —

5. ) HERAKLES —

6. ) HERAKLES —

7. ) HERAKLES —

8. ) HERAKLES —

Ein Überblick der Bedeutungsgeschichte / in:
» Terror und Spiel «
Die Entwicklung der Heroen-Mythen /
» Griechische Mythen «
Das mythische Leben / » Griechische Mythen «

Faszination des Mythos / » Studien zu antiken und modernen Interpretationen, Vorwort «
Historische Typogonese / » Herakles / Hercules II «

Die ILIAS und Homer / » Worlds in Collisions «

Zur Person "/ » B. Hederichs mythologisches LEXICON «

Und KOMPLEMENTARITÄT » Die zwei Gesichter der Wahrheit «

Zur  TITEL — Auswahl  der LITERATURLISTE, hier sind die Titelangaben ausführlich
fischerbbb
S + KOMPLEMENTARITÄT  MYTHOS + EPISTEMEOLOGIE  MYTHOS + WAHRHEIT
Gespiegelt wird dieses Gedanken - Experi-ment durch Beispiele aus einem Buch,
das sich von den erkenntnistheoretischen
Überlegungen von Niels Bohr leiten läßt.

   Ernst P. Fischer :
» Die zwei Gesichter der Wahrheit «

Niels Bohr hat den Begriff der
„ KOMPLEMENTARITÄT " ( Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhdts. )
in die wissenschaftliche Auseinander-
setzung um die Beschreibbarkeit
( Anschaulichkeit ) der Phänomene
innerhalb der Quantenphysik eingeführt.
Bildclick = stop und go

Zitiert aus : Ernst P. Fischer — »Die zwei Gesichter der Wahrheit«
... im Text S. 63 - 65

Ein Einwand, der oft gegen das Argument der KOMPLEMENTARITÄT vorgebracht
wird, besteht in dem Hinweis, daß dieser Gedanke unser Wissen verringern und
nicht erweitern würde. Wir erführen nur, daß wir etwas nicht wissen können.

Natürlich wird sozusagen nur umgekehrt ein Schuh daraus.
Mit Hilfe der KOMPLEMENTARITÄT werden wir in die Lage versetzt, etwas ( eine Wirklichkeit ) zu beschreiben, das sich zuvor einer sprachlichen Erfassung entzogen hat. Wir können nun mehr beschreiben als vorher, und das heißt auch, daß wir mehr wissen als vorher.

Dies kann durch einen Vergleich mit einem indischen Gedankensystem verdeutlicht werden, das von den Dschainas entwickelt worden ist. Dschainas sind an das Gebot
der ahimsa gebunden, also an die Nichtverletzung von Lebewesen ( sie sind daher Vegetarier ). Die ahimsa gilt auch für die Welt der Gedanken, sie hat hier ein eigenes System zur Beschreibung der Wirklichkeit hervorgebracht, das unter dem Namen Syâdvâda bekannt ist ( Syâd heißt » mögliche « ). Es erlaubt verschiedene Arten der Wirklichkeitsbeschreibung, von denen vor allem eine für unsere Zwecke von Interesse ist. Diese trägt den Namen avayakta, der besagen soll, daß diese Wirklichkeit zwar existiert, daß es aber keine Bezeichnung für sie gibt.

Avayakta entspricht genau dem, was wir KOMPLEMENTARITÄT nennen.
Betrachten wir dazu einen Kasten, der in zwei Hälften geteilt ist.

 

Abbildung 8
  In der klassischen ( zweiwertigen ) Logik kann nur einer von zwei
Zuständen realisiert sein. Entweder ist ein physikalisches Objekt in
der linken Hälfte des Kastens ( a ), oder es ist in der rechten Hälfte ( b ).
Ein Drittes gibt es nicht, sagte Aristoteles.

Unsere Sprache jedenfalls kann es nicht ausdrücken.

In der QUANTENWIRKLICHKEIT gibt es aber eine weitere Möglichkeit.
Die Wellen - Eigenschaft erlaubt es einem OBJEKT, in beiden Hälften des Kastens zu sein ( c ). In der indischen Philosophie hat man solch einen Zustand — es gibt ihn, aber man kann ihn nicht beschreiben —
als Avayakta bezeichnet.
drittes
Unsere seit Aristoteles festgeschriebene ( zweiwertige ) Sprachlogik erlaubt uns nur, einen von zwei Tatbeständen auszudrücken : Entweder ist ein Objekt in der linken Hälfte, oder es ist in der rechten Hälfte. Ein Drittes gibt es nicht. Tertium non datur.

Diese Logik wird aber zu eng, wenn man sich die ( im Rahmen der Komplementarität einleuchtende ) Möglichkeit eines atomaren Objektes vor Augen hält, auch als Welle
zu erscheinen. Daß etwas sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite ist, können wir nicht ausdrücken.

Wir wissen aber, daß es so ist — dank der KOMPLEMENTARITÄT, die unser Wissen so erweitert, wie es der Idee eines Avayakta schon seit mehr als tausend Jahren gelingt.
fischerccc
MYTHOS + LICHT  MYTHOS + SOWOHL - ALS - AUCH  MYTHOS + MOND  MYTHO

Zitiert aus : Ernst P. Fischer — »Die zwei Gesichter der Wahrheit«,
Goldmann Verlag 1987 — ISBN 3-442-1168-9

Vorwort des Verlages :

Seit drei Jahrhunderten gehen die Wissenschaften davon aus, saß es eine äußere
Welt gibt, eine objektive Realität, die unabhängig von jedem Beobachter existiert.
Diese Auffassung, die in dem Begriff des kartesischen Schnitts zusammengefaßt wird, hat sich jedoch zunehmend als untauglich erwiesen. Die Entwicklung der modernen Physik hat gezeigt, daß die atomare Wirklichkeit verlangt, die Versuchsanordnung
im Experiment mit zum Gegenstand des Beobachtens zu machen. Licht ist sowohl Welle als auch Teilchen — was es ist, hängt davon ab, wie wir den Versuch organi-sieren. Aber wenn wir das eine erkennen, bleibt uns das andere verborgen :
Viele Versuchsanordnungen schließen einander aus.

Der Beobachter wählt den konzeptionellen Schnitt zwischen Instrument und
materiellem Objekt, es ist seine subjektive Entscheidung.

Der große dänische Physiker Niels Bohr hat diese Lektion der Atome für das menschliche Erkennen mit Hilfe seines Prinzips der Komplementarität formuliert : Beobachtungen müssen durch experimentelle Anordnungen definiert werden, von
denen einige sich gegenseitig ausschließen.

Der Beobachtungsgegenstand muß also durch zwei komplementäre Bilder beschrieben werden —
Bilder die sich gleichzeitig ausschließen und ergänzen.

Ernst Peter Fischers Buch geht weit über die Physik hinaus. Es begründet, warum
die Idee der Komplementarität, die Erfahrung des Sowohl - Alsauch, eine Grund-eigenschaft des Denkens ist, die sich in allen Formen des menschlichen Erkennens widerspiegelt.

Es demonstriert die Notwendigkeit, das letzte Verstehen in einer
Sowohl - Als - auch - Formulierung zu fassen, an Beispielen aus der Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Psychologie und Linguistik.

Dieses Buch beschreibt, weshalb der Bohrsche Gedanke für die Wissenschaft
vom Menschen und für den Menschen selbst wichtig ist.

ZURÜCK  T E X T   O B E N
N A C H   O B E N

 

Auf Seite 28 im gleichem Buch wie zuvor, heißt es weiter :

Unanschauliche Lösungen

„ Ohne es explizit auszusprechen, war es ihm ( Niels Bohr ) selbstverständlich, daß
für Menschen eine Welt, die sie nie angeschaut haben, unanschaulich bleiben kann. Damit ist der Teil der Wiklichkeit gemeint, den wir mit unseren ( und unsere Vorfahren mit ihren ) Sinnesorganen nicht erfaßt haben. Solch ein Bereich kann unvorstellbar
sein und uns unverständlich bleiben, weil wir ihn nie mit Hilfe unserer Sinne in uns aufgenommen und uns folglich nie ein inneres Bild von ihm gemacht haben. Ein reales Objekt ist nur dann anschaulich, wenn wir von ihm eine innere Repräsentation haben."

„ Natürlich kann man sich Dinge vorstellen, die man noch nicht gesehen hat; die Rückseite des Mondes etwa, eine Hand mit sechs Fingern oder einen drei Zentner schweren Mann. Uns gelingt dies durch unsere Anschauungsvermögen, das uns erlaubt, etwas wirklich Angeschautes zu verkleinern, zu verlängern oder, allgemeiner gesagt, auf einfache Weise zu transformieren."


Zu diesen Texten werde ich im nächsten Monat ergänzende Beispiele aufzeigen und versuchen, diese hier angedeuteten Gedankenmodelle, der Struktur und Anschaulich-
keit von Heroenmythen anzunähern. Mit der Hoffnung, beides und gleichzeitig auch besser verständlich zu machen.
          Die aktuelle Seite :  F E B R U A R  2oo5
INDEX  NEUSTART