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Inhalt: Fontane / Der Schwielow
Fortsetzung aus  —  A u g u s t
Theodor FONTANE,
                 Glindow:

— G l i n d o w , die Ziegelstreicher - Lipper,
der RINGOFEN, die Industrialisierung —


Mit erstaunlicher List und Aushorchekunst wissen sie in Erfahrung zu bringen, welche Kontrakte die Ziegelbrenner mit diesem oder jenem Bauunternehmer der Hauptstadt abgeschlossen haben.

Lautet der Kontrakt nun dahin :

>Die Steine müssen bis Mitte Oktober abgeliefert sein<, so hat der Schiffer den Ziegelbrenner in der Hand, er verdoppelt seine Forderungen, weil er weiß, er kann es wagen, der Ziegelbrenner muß zahlen, wenn er nicht der ganzen Einnahme verlustig gehen will.

Die glänzende Zeit dieses Betriebes ist vorüber ( Der Aufsatz wurde 1870 geschrieben. Seitdem haben sich die Dinge wieder zugunsten der Ziegeleibesitzer geändert ), genau seit jener Epoche, wo die Ziegelbrennerei einen neuen Aufschwung zu nehmen schien, seit Einführung der Ringöfen. Der Ringofen verbilligte die Herstellung des Steines; die ersten, die sich seiner bedienten, hatten enorme Verdienste; jetzt, wo ihn jeder hat, hat er die Produktion zwar gefördert, aber der Wohlhabenheit nur mäßig genützt.
ipperzwei
Der Ringofen hat den alten Ziegelofen, wenige Ausnahmen abgerechnet, total verdrängt, und in Erwägung, daß dieses Kapitel nicht bloß auf dem Lande, sondern auch von Städtern gelesen wird, die nur allzuselten Gelegenheit haben, Einblick in solche Dinge zu gewinnen, mag es mir gestattet sein, einen Ringofen, seine Eigentümlichkeiten und seine Vorteile zu beschreiben.

Der Ringofen hat seinen Namen von seiner Form, er ist ein Rundbau. Seiner Einrichtung nach könnte man ihn einen Kammer- oder Kapellenofen nennen, seiner Haupteigenschaft nach aber einen Sparofen. Er spart Feuerung. Wir kommen darauf zurück.
Zunächst
seine  Form und Einrichtung. Um beide zu schildern, greifen wir nach einem Bilde, das vor einigen Jahren, als es galt das Pariser Ausstellungsgebäude anschaulich zu beschreiben, vielfach gebraucht wurde. Wir modifizieren es nur. Denken wir uns also eine runde gewöhnliche Torte, aus der wir das Mittel- oder Nußstück herausgeschnitten und durch eine schlanke Weinflasche ersetzt haben, so haben wir das getreue Abbild eines Ringofens. Denken wir uns dazu diese Torte in zwölf gleich große Stücke zerschnitten, so haben wir auch die Einrichtung des Ofens: sein Zwölfkammersystem. Die in der Mitte aufragende Weinflasche ist natürlich der Schornstein.

Das Verfahren ist nun folgendes. In vier oder fünf der vorhandenen, durch Seitenöffnungen miteinander verbundenen Kammern werden die getrockneten Steine eingekarrt, in jede Kammer 12.000. Ist dies geschehen, so wird die Gesamtheit der erwähnten vier oder fünf Kammern durch zwei große Eisenschieber, der eine links, der andere rechts, von dem Reste der Kammern abgesperrt. Nun beginnt man in Kammer 1 ein Feuer zu machen, nährt es, indem man von oben her durch die Löcher ein bestimmtes Quantum von Brennmaterialien niederschüttet, und hat nach vierundzwanzig Stunden die 12.000 Steine der ersten Kammer völlig gebrannt.


ofenunter
Aber ( und darin liegt das Sparsystem ) während man in Kammer 1 eine für 12.000 Steine ausreichende Rotglut unterhielt, wurden die Nachbarsteine in Kammer 2 halb, in Kammer 3 ein Drittel fertig gebrannt, und die Steine in Kammer 4 und 5 wurden wenigstens > angeschmoocht <, wie der technische Ausdruck lautet.

Die Steine in Kammer 2, die nun am zweiten Tage unter Feuer kommen, brauchen natürlich, halb fertig, wie sie bereits sind ein geringeres Brennmaterial, um zur Perfektion zu kommen, und so geht es weiter; wohin immer das Feuer kommt, findet es 12.000 Steine vor, die bereits drei Tage lang, und zwar in wachsender Progression, durch eine Feuerbehandlung gegangen sind. Der eine ( vorderste ) Eisenschieber rückt jeden Tag um eine Kammer weiter, der andere Eisenschieber, vom entgegengesetzten Flügel her, folgt und gibt dadurch die Kammer frei, in der am Tage zuvor gebrannt wurde. So vollzieht sich ein Kreislauf.

schuettung
Die Feuerung geschieht von oben her durch eine runde Öffnung; ein eiserner Stülpdeckel von der Form eines Zylinderhuts ( dessen Krempe übergreift ) schließt die Öffnung und wird abgenommen, sooft ein Nachschütten nötig ist. Man sieht dann, wie durch eine schmale Esse, in die Kammer hinein und hat die aufgetürmten, rotglühenden Steine unter sich. Der Anblick, den man sich nun verschaffen kann, indem man auf die Gewölbedecke der Kammer tritt, hat etwas im höchsten Grade Unheimliches und Beängstigendes. Man steht über einer Hölle und blickt in sie hinab. Eine Schicht Steine, vielleicht kaum ein Fuß dick, trennt den Obenstehenden von dieser Unterwelt, und der Gedanke hat etwas Grausiges :
Wenn jetzt dies Gewölbe —

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RINGOFEN - ANSICHT
RINGOFEN - AUFSICHT
 
 

ringofen
... weiter mit Th. Fontane, Kapitel Glindow, der Ringofen.

In die leeren Kammern, bevor der Schieber sie in den Feuerrayon hineinzwingt,
wird eingekarrt, aus den im Feuer gewesenen, vom Schieber freigegebenen Kammern wird ausgekarrt. Der Prozeß, solange die Brenncampangne dauert, ist ohne Ende;
das Feuer rückt von Kammer zu Kammer, bis es herum ist, und beginnt dann seinen Kreislauf von neuem. Der Vorteil liegt auf der Hand.

Er steigt aber insonderheit auch noch dadurch, daß der Ringofen in seinen Feueransprüchen nicht wählerisch ist. Er frißt alles. Jedes Material dient ihm: Holz, Torf, Braunkohle, alles hat einen gleichen oder doch verwandten Wert, und das billigste Material behauptet sich neben dem teuersten. Die Ziegelbrennerei ist dadurch in eine ganz neue Phase getreten, zum Vorteil der Bauunternehmer, die seitdem die Steine für den halben Preis erstehen, aber wenig zum Vorteil der alten Ziegelbrennerfirmen, die, ehe die Dinge diese modern - industrielle Behandlung und Ausnutzung erfuhren, sich besserstanden.

Wobei übrigens auch noch bemerkt sein mag, daß die besten Steine, beispielsweise die Rathenower und die Birkenwerderschen, nach wie vor in den Ziegelöfen alter Konstruktion gebrannt werden. Der Ringofen hat keine andern Vorzüge, als daß er
ein Sparofen ist.

Solcher Ringöfen hat Glindow selbst, wie wir schon hervorgehoben, etwa neun,
der Distrikt Glindow aber, mit seinem Innen- und Außenrevier, wohl mehr denn fünfzig.
Daß sie der Landschaft zu besonderer Zierde gereichten, läßt sich nicht behaupten.
Der Fabrikschornstein mag alles sein, nur ein Verschönerungsmittel ist er nicht, am wenigsten, wenn er schöntut, wenn er möchte.

Und wie dieser reiche Betrieb, der unbestreitbar, trotz Stillstände und Rückschläge,
ein sich steigerndes Prosperieren einzelner oder selbst vieler geschaffen hat, die Land-schaft nicht schmückt, so schmückt er auch nicht die Dörfer, in denen er sich nieder-gelassen hat. Er nimmt ihnen ihren eigentlichen Charakter, in richtigem unsentimen-talen Verstande ihre Unschuld und gibt ihnen ein Element, dessen Abwesenheit bisher, und wenn sie noch so arm waren, ihr Zauber und ihre Zierde war —
er gibt ihnen ein Proletariat.
Ob dasselbe städtisch oder dörfisch auftritt, ob es mehr verbittert oder elend ist, sind Unterschiede, die an dem Traurigen der Erscheinung nicht viel zu ändern vermögen.

Auch Dorf Glindow hat von diesem allem sein geschüttelt Maß. An und für sich ausgestattet mit dem vollen Reiz eines havelländischen Dorfes, hingestreckt zwischen See und Hügel, schieben sich doch überall in das altdörfliche Leben die Bilder eines allermodernsten frondiensthaften Industrialismus hinein, und die schönen alten Bäume, die mit ihren mächtigen Kronen so vieles malerisch zu überschatten und zu verdecken verstehen, sie mühen sich hier umsonst, diesen trübseligen Anblick dem Auge zu entziehen.

Am See hin, um die Veranden der Ziegellords, rankt sich der wilde Wein, Laubengänge, Clematis hier und Aristolochia dort, ziehen sich durch den Parkgarten, Tauben stolzieren auf dem Dachfirst oder umflattern ihr japanisches Haus — aber diese lachenden Bilder lassen die Kehrseite nur um so dunkler erscheinen : die Lehmstube mit dem verklebten Fenster, die abgehärmte Frau mit dem Säugling in Loden, die hageren Kinder, die lässig durch den Ententümpel gehn.

Es scheint, sie spielen; aber sie lachen nicht; ihre Sinne sind trübe wie das Wasser, worin sie waten und plätschern.

Ende des KAPITEL Glindow.



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Über diesen Link > Ernährungsweise < erfahren Sie mehr über die tägliche Nahrung
> Lipper Ziegelstreicher <,
wie z.B. Speck und Erbsen, sowie über die regionale alte Landschaftsküche, ( besonders die westfälische Küche ) vom Ende des 19. bis
in das erste Drittel des 20. Jahrhunderts.

Aus dem Buch
Arbeitswanderung und berufliche Spezialisierung
von Piet Lourens und Jan Lucassen
Die lippischen Ziegler im 18. und 19. Jahrhundert.
Aus dem Niederländischen von Klaus Mellenthin.

können Sie einige Auszüge zur Arbeitsorganisation, Arbeitsverhältnisse und Ernährungsweise lesen. Zum anderen eine statistische Karte ( skalierbar ), zu den Zielgebieten der lippischen Ziegler. Ergänzend zu der Wanderungsbewegung werden
im Monat OKTOBER einige Tabellen zur Statistik zu sehen sein.
Karte: Zielgebiete

Im Monat OKTOBER folgen wir Theodor Fontane nach Werder und erfahren verschie-denes über den Ort und die Bevölkerung von Stadt - WERDER.

Zum anderen werde ich eine erweiterte Ansicht des Ringofens zeigen, um den Betrieb des kontinuierlichen Brennens anschaulicher zu machen.



Der Hausschlächter   
 

So kochten wir damals in Westfalen
Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland
herausgegeben von der Volkskundlichen Kommission für Westfalen, Landschaftsverband WESTFALEN - LIPPE

Von Willi Krift, Münster 1986

Die Haus - Schlachtung

Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wurde auf dem Lande noch in jedem Haushalt, in den Städten noch in vielen Haushaltungen, geschlachtet.

Über die Art der Fütterung und Haltung
der Schweine, sowie die Vorbereitungen
zur „ Schlachtezeit ” und die Ausübung
des Berufs als Hausschlachter, können
Sie über den Link in der ersten Zeile mehr erfahren.

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