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ERGÄNZUNG   &   KOMMENTAR   /  FARBEN

Neues Projekt  —  C a p u t h
Theodor FONTANE,        Der Schwielow:

Wie man aus den Bildern bereits ersehen kann, wird die erste aktuelle Seite auf die märkische Landschaft reflektieren.
Die Betrachtungen stelle ich vor dem Hintergrund eines Buches an, daß ich
vor einigen Jahren, hier in meiner näheren Wohnumgebung bei einem Trödler für zwei DM erworben habe.

Es ist ein Buch über Theodor Fontane und wenn man so will, eine volkstümliche Ausgabe in gekürzter Form seines mehrbändigen Werkes: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, hier mit 121 Tiefdruckbildern nach Photos von Martin Hürlimann und anderen.
Atlantis - Verlag - Berlin, 1932.
Dieses Buch richtete sich an den Wanderer und ist unter diesem Aspekt zusammengestellt. — Die Auszüge aus dem Hauptwerk sind verkürzte Versionen und im Vorwort heißt es dazu :

" Die besten der Wanderungskapitel würden zusammengestellt ein Heimatbuch ergeben, wie es in gleicher Reichhaltigkeit und Originalität keine andere deutsche Provinz besitzt " ( Conrad Wandrey, Biograph ).

Weiter heißt es im Vorwort : Den Versuch, dieses Heimatbuch zu schaffen, unternimmt der vorliegende Band, und zwar wie es durch die neuzeitliche Art des Sehens geboten ist - mit Ergänzung durch die Photographie.

Und damit ist auch der Punkt erreicht, von wo aus ein direkter Weg in die Wochenend-Ausgaben der bunten Lokalblätter beginnt, aber auch in die Berichterstattung der Lokal-Sender und ihrer eigenwilligen " Stimmungs- und Verschönerungsvisualität ", bezogen auf die Landschaftsdarstellung. Das sich dieser Stil mit Mobiltourismus und Lokal-gastronomie verknüpft und anschaulichen Routenplanungen, ist zeitgemäß und bequem, womit die Quintessenz der Moderne reproduktive Urstände feiert.Ich empfehle Ihnen, nehmen Sie Bahn und Rad, etwas Proviant und Taschengeld, meiden Sie die stark befahrenen Straßen, steigen häufiger vom Fahrrad und schauen Sie auch einmal hinter die Kulissen der Ortschaften und sogenannten Attraktionen.

Einen kurzen Eindruck zu dieser Auffassung können Sie bekommen, wenn Sie die Seite zu meiner ZIEGELSAMMLUNG ( LISTE / Fundgeschichte aufschlagen.
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Handstrich - Ziegel der ZIEGELEI:
F. FRITZE in GLINDOW, um 1850
.
Fundort: Berlin - Mitte, Auguststraße
Maße: 25,5 x 12 x 5,5 cm
Ein Textauszug aus dem o.g. Buch will Sie auf eine alternative Betrachtungsweise lenken und auf den Sommer 1869, in dem Theodor Fontane den Schwielow - See und die nahegelegenden Ortschaften besuchte.

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Das Dorf Caputh

Caputh ist eines der größten Dörfer der Mark, eines der längsten gewiß; es mißt wohl eine halbe Meile. Daß es wendisch war, besagt sein Name. Was dieser bedeutet, darüber existieren zu viele Hypothesen, als daß die eine oder andere viel für sich haben könnte. So zweifelhaft indes die Bedeutung seines Namens, so unzweifelhaft war in alten Zeiten die Armut seiner Bewohner. Caputh besaß keinen Acker, und die große Wasserfläche, Havel samt Schwielow, die ihm vor der Tür lag, wurde von den Potsdamer Kiezfischern, deren alte Gerechtsame sich über die ganze Mittelhavel bis Brandenburg hin erstreckten, eifersüchtig gehütet und ausgenutzt.

So stand es schlimm um die Caputher; Ackerbau und Fischerei waren ihnen gleichmäßig verschlossen. Aber Not macht erfinderisch, und sowußten sich denn schließlich auch die Bewohner dieses Uferstreifens zu helfen. Ein doppeltes Auskunfts-mittel wurde gefunden, Mann und Frau teilten sich, um von zwei Seiten her anfassen
zu können. Die Männer wurden Schiffer, die Frauen verlegten sich auf Gemüsebau.Die Nachbarschaft Potsdams, vor allem das rapide Wachstum Berlins waren dieser Umwandlung, die aus dem Caputher Tagelöhner einen Schiffer oder Schiffsbauer machte, günstig, riefen sie vielleicht hervor. Überall an der Havel und Schwielow hin entstanden Ziegeleien, und die Millionen Steine, die jahraus, jahrein am Ufer dieser Seen und Buchten gebrannt wurden, erforderten alsbald Hunderte von Kähnen, um sie auf den Berliner Markt zu schaffen. Dazu boten die Caputher die Hand.

Es entstand eine völlige Kahnflotte, und mehr als sechzig Schiffe, alle auf den Werften des Dorfes gebaut, befahren in diesem Augenblicke den Schwielow, die Havel, die Spree. Das gewöhnliche Ziel, wie schon angedeutet, ist die Hauptstadt. Aber ein Bruchteil geht auch havelabwärts in die Elbe und unterhält einen Verkehr mit Hamburg.Caputh — das Chicago des Schwielow - Sees — ist aber nicht bloß die große Handelsempore dieser Gegenden, nicht bloß End- und Ausgangspunkt der zauche-havelländischen Ziegeldistrikte, nein, es ist auch Stationspunkt, an dem der ganze Handelsverkehr vorüber muß. Der Umweg durch den Schwielow ist unvermeidlich; es gibt vorläufig nur diese eine fahrbare Straße. Eine Abkürzung des Weges durch einen Nordkanal ist geplant, aber noch nicht ausgeführt.

bbbFortsetzung : Mai

 N A C H   O B E N

Aus dem Umfeld:

Hier eine kurze Beschreibung meines Wohnumfeldes im Kontext der geologischen und stadträumlichen Bedingungen, vor der Erschließung für den Wohnungsbau gegen 1880. Dieser Text wurde von mir verfaßt, zu einer Ausstellung durch den Sanierungsträger dieses Gebietes, die in einer Lokalität am nahegelegenen Chamissoplatz gezeigt wurde.

Als im Jahre 1832 der Chemische Betrieb Berend und Kunheim, aufgrund des Einspruchs des Magistrats der Stadt Berlin und dem Protest der anliegenden Bewohner [ starke Umweltbelastungen durch Qualm und Gestank ], ihren Betrieb vor die Tore der Stadt auslagern mußten, entschieden sie sich für das Gebiet der östlich dem" Dusteren Keller " [ dem heutigen Chamissoplatz ] sich anschließenden Weinberge. Das Areal entsprach dem heutigen Straßenverlauf : Bergmannstraße - Friesenstraße - Jüterbogerstraße und der Heimstraße, als Grenze zum Dreifaltigkeitsfriedhof.

Auf diesem Gelände befand sich eine Ziegelscheune [ nachgewiesen auf der Karte : " Plan von Berlin nebst den umliegenden Gegenden, gezeichnet von J.F. Schneider; 1802 " ], mit dem Zugang annähernd im Bereich der heutigen Grundstücke Arndtstraße 37 - 39 und in der südlich orientierten Ausdehnung bis zur Fidicinstraße. Der Ton wurde nicht von der Hanglage aus erschlossen, sondern im Bereich der heutigen Jüterboger Straße und dem angrenzenden Friedhofsgelände gegraben.

Spätestens mit Neugründung der Chemischen Fabrik von Kunheim, auf deren Grund sich diese Ziegelscheune befand, wird auch die Ziegelherstellung aufgehört haben. Die Chemische Fabrik Kunheim war recht erfolgreich, besonders mit der Herstellung von flüssiger Kohlensäure und verlegte ihren Betrieb um 1885 nach Niederschöneweide an der Spree. Die Fabrikationsgebäude auf dem ehemaligen Weinberg wurden abgebrochen und das Areal für den Wohnungsbau erschlossen.

Etwa zeitgleich erwarb Kunhein das Alaunwerk [ Alaun : Doppelsalz aus Kalium- und Aluminiumsulfat, als Beizmittel, Gerbmittel und Rasierstein verwendet ], nördlich von Freienwalde an der Oder ( am westlichen Rand des Oderbruchs ), auf dessen Gelände ebenfalls eine Ziegelei betrieben wurde.
Maschinen - Ziegel der ZIEGELEI :
Kunheim & Co in Freienwalde, um 1890,
Fundort : Berlin - Mitte, Mariannenstraße
Maße : 25 x 12 x 6 cm
Ziegel aus dieser Ziegelei findet man mit dem oben gezeigten Firmen - Stempel in dem Magazin- und Kellergebäude der Habelschen Brauerei, mit dem heutigen Zugang von der Straße : Am Tempelhofer Berg, im westlichen Teil des in dieser Ausstellung beschriebenen Sanierungsgebietes.Die geologische Lage dieses Gebietes [ Aufpressung- und Hanglage des Teltow - Plateaus zum Berlin - Warschauer Urstromtal ], ist eine Begünstigung für die Ansiedlung von Ziegeleien, wegen der problemloseren Erschliessung von Tonvor-kommen, besonders in der vorindustriellen Zeit. Es lassen sich für die Zeit von 1800 - 1850 anhand von Kartierungen, westlich und östlich des Kreuzberges und im Verlauf der Kante des Teltow - Plateaus folgende Ziegeleistandorte nachweisen :

° Westlich beginnend, zwischen der Potsdamer- und Anhalter Bahn [ Kreuzberger Bezirksgrenze ], 3 Ziegeleien. Tongruben wahrscheinlich in Bereich der Wannseebahn Langenscheidtstraße

° Zwischen Anhalter Bahn und der Katzbachstraße, die urkundlich um 1290 belegte Ziegelei der Franziskaner Mönche aus Tempelhof.° Zwischen Katzbachstraße und dem Kreuzberg, "Kriegers Ziegelei" oder  "Kriegersfelde". Tongrube auf dem Gelände der ehem. Viktoria - Brauerei.

° Die Ziegelscheune auf dem späteren Gelände der Chemischen Fabrik Kunheim,  im heutigen Straßenverlauf der Arndtstraße 37 - 39 in Richtung Fidicinstraße.

° An der östlichen Bezirksgrenze im Bereich des Kaufhauses Karstadt, eine Ziegelscheune mit der Tongrube östlich der Hermannstraße, auf dem angrenzenden Friedhofsgelände im östlichen Teil und als Urnengarten gestaltet.

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Ergänzungen & Kommentar:

Fontane hat den Schwielow - See und die umliegenden Ortschaften im Sommer 1869 gemeinsam mit dem Potsdamer Garnisonsschullehrer Wagener besucht. Der Aufsatz entstand im August 1869 während eines Sommerurlaubs in Hermsdorf ( Schlesien ). Am 22. April 1870 schrieb der Autor an seine Schwester Elise: " Vielen Dank für Deine freundlichen Worte über den Schwielow - Aufsatz, den ich mit besondrer Liebe in Hermsdorf schrieb und dann hier vielfach gefeilt habe. Es ist alles mit dem Haarpinsel gemalt; die meisten aber ( meine Ruppiner Freundinnen natürlich ausgenommen ) sind für Maurerpinsel und verstehen sich nicht auf den Unterschied zwischen malen und anstreichen. Ich mache den Unterschied; aber — mir wird`s angestrichen ! Ich muß dafür bluten. "

Der Vorabdruck erfolgte — als erster Beitrag einer vierteiligen Aufsatzreihe unter dem
Sammeltitel > Der Schwielow und seine Umgebung < — am 17. April 1870 in der >Neuen Preußischen ( Kreuz- ) Zeitung <, Nr. 90.
( Aus : Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Band 3 / Aufbau Taschenbuch
Verlag; Berlin und Weimar 1991. Anhang: Seite 636 / 37, Der Schwielow.

Interessant an dieser Stelle ist der Vergleich von Haarpinsel und Maurerpinsel und die Überlegung, welche Farbbasis und welche Farbtönung war die landschaftgebundene Auffassung von Farbgebung und Anstreichtechnik im märkischen Raum. Fontane gibt eine Anspielung auf den märkischen ( Farb- ) Dreiklang in seinem Gedicht
  HAVELLAND

 

... Ob rote Ziegel, ob steinernes Grau,
Du verklärst es, Havel, in deinem Blau.
Und schönst du alles, was alte Zeiten
Und neue an deinem Bande reihten,
Wie schön erst, was fürsorglich längst
Mit liebendem Arme du umfängst.
Jetzt Wasser, drauf Elsenbüsche schwanken,
Lücher, Brücher, Horste, Lanken,
Nun kommt die Sonne, nun kommt der Mai,
Mit der Wasserherrschaft ist es vorbei.
Wo Sumpf und Lache jüngst gebrodelt,
Ist alles in Teppich umgemodelt,
Ein Riesenteppich, blumengeziert,
Viele Meilen im Geviert.
 
 
 
 
 
 
 
Und an dieses Teppichs blühenden Saum
All die lachenden Dörfer, ich zähle sie kaum :
Linow, Lindow,
Rhinow, Glindow,
Beetz und Gatow,
Dreetz und Flatow,
Bamme, Damme, Kriele, Krielow,
Petzow, Retzow, Ferch am Schwielow,
Zachow, Wachow und Groß Benitz,
Marquardt - Uetz an Wublitz - Schlänitz,
Senske, Lentzke und Marzahne,
Lietzow, Tietzow und Reckahne,
Und zum Schluß in dem leuchtenden Kranz :
Ketzin, Ketzür und Vehlefanz.

Potsdam, im Mai 1872
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Kommentar:
Zusammengefaßt läßt sich aus eigener Anschauung und Erfahrung feststellen, was den märkischen Farbraum anbetrifft, den oben zitierten Farb-Dreiklang wird man noch an bevorzugten Stellen finden. So zum Beispiel die Situation im Umfeld der Dorfkirchen, den alten Pfarrhäusern und Schulgebäuden und den älteren bei den Kirchen gelegenen Friedhöfen. Auch in den baulichen Situationen der Nebenstrassen und den landwirt-
schaftlichen Nebengebäuden, ist eine Spur dieser Farbanmutung vorhanden.
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Wir wissen nicht genau, womit der Maurer zu Fontanes Zeiten seinen Anstrich ausge-
führt hat und welche Stoffe er benutzte ( wahrscheinlich waren es Kalkfarben und Schlemmen ), doch oft war es eben nur der Verputz der die Farbgebung der Gebäude
bestimmte, außer den Keramik und Natursteinkomponenten. Und der Verputz eines
Gebäudes mit Quarzsand und Weißkalk aus dem 19. Jahrhundert ist auch eine kaum
noch erfahrbare Erscheinung im Ortsbild von Brandenburg.
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E R G Ä N Z U N G E N
 N A C H   O B E N
LINK:
Zu ANSTRICHFARBEN und  P I N S E L  mehr im gleichen Absatz  Fortsetzung : Mai

BERLINER MAURERPINSEL / unten rechts

Hier können Sie in Ergänzung zum  FARBTHEMA  verschiedene Tabellen
und Erläuterungen zur gestaltenden Farbgebung des 19. Jahrhunderts aufrufen.



Lichtechte Fassadenfarben
 

Kommentar:
In den Ortschaften verbreitet sich die Latexhaut und das irgendetwas nachahmende polymere Verbundverschalungssystem. Die Luch- und Havelwiesen sind wenig von einem bunten Teppich, das großflächige Silage- oder Ballengrün wechselt mit einer schleichenden Versteppung zu den Luchrändern hin.

Wer dennoch ein Stück dieses bunten Teppichs entdeckt, sollte innehalten und die Augen für einen Moment schließen und tief durchatmen, auch auf die Gefahr hin, daß die entwöhnte Großstadtnase mit einem Heu- oder Pollenschnupfen reagiert. Die Wahrscheinlichkeit, als Fahrradwanderer einen solchen Ort zu entdecken ist durchausgegeben und in diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gute Fahrt mit der allseitigen Erwartung, daß der Frühling kommen möge.
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