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Über die Zerstörung
des Lebens
im Zeitalter
der dritten industriellen
Revolution.

Günther Anders
Die Antiquiertheit
des Menschen
II
C.H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung ( Oscar Beck ), München 1987

 
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Die Antiquiertheit der Wirklichkeit  III    
Fähigkeit zur Stellungnahme  IV. 1
Realität und Schein  IV. 2
Wir werden passiviert  IV. 4
Wir werden ideologisiert  IV. 6

 

DIE ANTIQUIERTHEIT DER WIRKLICHKEIT

Thesen für ein Symposion über Massenmedien 1960
[ Unter dem Titel „ Maschinelle Infantilisierung “ vorgetragen in der Berliner Komödie
am 20. November 1960 ]


III

Die Hauptkategorie, das Hauptverhängnis, unseres heutigen Daseins heißt : Bild.
Unter „Bild" verstehe ich jede Darstellung von Welt oder Weltstücken, gleich,
ob diese aus Photos, Plakaten, Fernsehbildern oder Filmen besteht. „Bild" ist
die Hauptkategorie deshalb,
weil heute Bilder nicht mehr als Ausnahmen auch
in unserer Welt vorkommen, weil wir von Bildern vielmehr umstellt, weil wir einem Dauerregen von Bildern ausgesetzt sind. Früher hatte es Bilder in der Welt gegeben, heute gibt es „die Welt im Bild", richtiger: die Welt als Bild, als Bilderwand, die den Blick pausenlos fängt, pausenlos besetzt, die Welt pausenlos abdeckt. Es liegt auf
der Hand, daß, wenn die Zahl der ( uns nicht nur präsentierten, sondern auch aufge-zwungenen ) Bilder so ungeheuer anschwillt, diese Quantität in eine Qualität umschlägt. Das bedeutet nicht notwendigerweise, daß die Bilder schlechter
geworden seien als früher oder schlechter würden, sondern daß jedes Bild,
wenn es nur eines unter Millionen ist, eine von der früheren Bildfunktion verschie-
dene Funktion annimmt.

Als Tommy seine das Fernsehprogramm abschaltende Mutter fragte, wie man
denn eigentlich in früheren Zeiten, vor der Erfindung von Rundfunk und Fernsehen
( denn irgendeine noch so altfränkische Methode zu deren Herstellung müsse es
doch auch früher gegeben haben ) — Dunkel und Stille produziert habe, da verriet
er unser Zeitalter : denn er verriet, daß die uns ins Haus gelieferten Reproduktionen
( gleich ob diese in „Werken" oder in angeblichen Abbildern der Welt oder in „Mitbildern" des gegenwärtigen Geschehens oder in zwecks Konformierung gelie-
ferten Vorbildern bestehen ) nicht mehr Inseln im Alltag oder in der Stille sind :
daß umgekehrt Stille und Bildlosigkeit zu Lücken und Löchern im Kontinium der Bildwelt geworden sind. Gestaltpsychologisch ausgedrückt : Figur und Grund sind ausgetauscht bzw. die Figuren sind zum bloßen Grunde degeneriert ( background music ).

Die Tatsache der heutigen Bildmacherei und Bildfresserei — denn Bilder bilden die Hauptmasse unseres Konsums — ist so breit, daß ihre Diskussion nicht in dem begrenzten Rahmen der Kunsttheorie durchgeführt werden kann. Früher hatten wir
das Bild als das Reservat der Kunst verstehen dürfen, aber davon kann heute keine Rede mehr sein, da alles, auch das Wirkliche, sich primär als Bild präsentiert —
was ja so weit geht, daß die Welt minus deren Abbildungen heute schon als eine
leere Welt erscheinen
würde. Die Welt ist so groß, so undurchsichtig und so unübersehbar geworden, daß sie Modelle nötig macht, daß ihre Bilder den Primat
von ihr selbst haben : denn die Sinnlichkeit unserer Augen ist der Welt nicht mehr gewachsen : selbst im Interesse der Erkenntnis und zum Zwecke der Einsicht hat
man bereits zum Mittel des Scheins zu greifen. Die Tatsache, daß selbst die
Einsicht bereits das Medium des Scheins, die Etablierung einer Bilderwelt erfordert,
ist die ungeheure Chance der Lüge heute. —

Als Künstler haben wir heute zu fragen : Wie verhält sich Kunst, die früher über ein
fast ausschließliches Monopol für die Herstellung von Bildern verfügt hatte, in einer Welt, die von anderen Mächten weitgehend zu einer universellen Bilderwelt gemacht worden ist ? So ist z.B. die „Gegenstandslosigkeit der Kunst" u.a. auch eine Reaktion auf die durch andere Mächte durchgeführte Verbilderung der Welt.

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IV

Wie wirkt sich nun die Tatsache aus, daß „Bild" zur Hauptkategorie unseres Lebens geworden ist ?

1. Wir werden der Erfahrung und der Fähigkeit zur Stellungnahme beraubt. —
Da wir die weithorizontige Welt, die heute wirklich „unsere Welt" ist ( denn
„wirklich" ist, was uns treffen kann und wovon wir abhängen ), nicht in direkter
sinnlicher Anschauung kennenlernen können, sondern nur aus Bildern, begegnet
uns gerade das Wichtigste als Schein und Phantom, also in verniedlichter, wenn
nicht sogar irrealisierter, Version. Nicht als „Welt" ( Welt kann man sich allein durch Fahren und Erfahren aneignen ), sondern als uns ins Haus gelieferter Konsum-gegenstand.

Wer einmal eine Atombombenexplosion als ins Haus geliefertes Bild, also in
Form einer tanzenden Postkarte, in seinem wohlgeheizten Zimmer konsumiert hat,
der wird nunmehr alles, was er sonst über die Atomsituation hören mag, mit diesem einmal gesehenen nippes-artigen Heimereignis assoziieren und damit der Fähigkeit beraubt sein, die Sache selbst aufzufassen und zu dieser eine angemessene
Stellung zu beziehen.

Was geliefert wird, und zwar in flüssigem Zustand, das heißt : so, daß es unmittel-
bar geschluckt werden kann, macht Auseinandersetzung unmöglich, weil überflüssig. Zumeist wird ja sogar die gewünschte Stellungnahme selbst freundlich mitgeliefert, weniges ist für die heutigen Sendungen so charakteristisch wie die Frei-ins-Haus-Lieferung des Applauses. — Im Grunde gibt es nicht mehr „Aussenwelt", weil diese
nur noch Anlaß einer möglichen Heim-Vorstellung ist
.

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2.
Wir werden der Fähigkeit beraubt, Realität und Schein zu unterscheiden. —
Wenn, wie es sowohl in Rundfunk- wie in Fernsehstücken zumeist geschieht,
Schein realistisch präsentiert wird, dann nimmt umgekehrt die ( als Sendung nicht anders klingende und nicht anders aussehende ) Realität das Aussehen von Schein, das einer bloßen Darbietung an; wenn die „Bretter" ( die angeblich die W e l t
bedeuten ) wie die Welt selbst aussehen, dann verwandelt sich die Welt auch in „Bretter", also in ein bloßes spectaculum, das nicht so ernst genommen zu werden braucht. Insofern ist die ganze Bebilderung unseres Lebens eine Technik des
Illusionismus
, weil sie uns die Illusion gibt und geben soll, wir sähen die Wirklichkeit.

Der „spectaculum-Eindruck", den die Wirklichkeit auf dem Fernsehtisch erzeugt,
hat „Rückschlagwirkung", er infiziert nämlich die Wirklichkeit selbst : Die Tatsache, daß sich Kennedy und Nixon jüngst für ihre Fernsehdispute schminken ließen, beweist, daß die zwei nicht nur vom Publikum als „show" erwartet wurden, sondern
daß sie sich selbst bereits als Schauspieler auffaßten, daß sie mit Fernseh-Stars
in Konkurrenz traten, daß ihre effektive politische Chance von ihrer show-Qualität
abhing. Nicht nur die Auffassung der Realität durch das Publikum wird also unernst, sondern die Realität selbst, da sie Rücksicht auf die Bilder zu nehmen hat. Nunmehr wird die Welt zur „Vorstellung", freilich in einem Sinne, von dem Schopenhauer sich niemals etwas hätte träumen lassen. —

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4.
Wir werden „passiviert". — Durch die Dauerbelieferung werden wir in Dauerkon-sumenten verwandelt. Während wir zum Beispiel als Leser noch selbständig sind, nämlich zurückblättern dürfen und das Tempo des Aufnehmens noch selbst bestim-men können, sind wir nunmehr als pausenloses Seh- und Hörpublikum gegängelt; konsumieren wir, dann haben wir auch das gelieferte Tempo der Lieferung mitzu-konsumieren. — Das hatte zwar vom Theater- und Konzertpublikum stets gegolten, wird nun aber zum Verhängnis, weil die spectacula nunmehr pausenlos ablaufen
und durch diese Pausenlosigkeit unsere Unselbständigkeit eingleisen.

Anders ausgedrückt : Der Verkehr des Menschen wird auf Unilateralität gedrillt.
Da wir gewöhnt sind, die Bilder zu sehen, aber nicht von ihnen gesehen zu werden; Personen zu hören, aber von diesen nicht gehört zu werden, gewöhnen wir uns an
ein Dasein, in dem wir einer Hälfte unseres Menschseins beraubt sind. Wer nur hört, aber nicht spricht und grundsätzlich nicht widersprechen kann, der wird nicht nur „passiviert", sondern eben „hörig" und unfrei gemacht.

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INDEX  NEUSTART


6.
Wir werden „ideologisiert". — Denn die Bilder von heute sind die Ideologien
von heute : die Bilddarstellungen sollen uns ein Bild der Welt vermitteln, richtiger :
die Flut von Einzelbildern soll verhindern, daß wir zu einem Weltbild überhaupt kommen und daß wir das Fehlen des Weltbildes überhaupt spüren.
Die heutige Methode, mit deren Hilfe man Verstehen systematisch unterbindet, besteht nicht
darin, daß man zuwenig, sondern darin, daß man zuviel liefert. Das zum Teil kostenlose, zum Teil sogar unentrinnbare Angebot an Bildern ( Werbung ) erstickt
die Möglichkeit, sich ein Bild zu machen, man überwältigt uns mit einer Abundanz
an Bäumen, um uns daran zu hindern, den Wald zu sehen.

Die heutige Ignoranz wird durch die Multiplizierung scheinbaren Wissensstoffes hergestellt. Je weniger wir uns in Entscheidungen, die uns wirklich etwas angehen, einmischen sollen, um so maßloser werden wir in Dinge „eingemischt", die uns überhaupt nichts angehen, etwa in die Seelennöte iranischer Kaiserinnen.

Die tausend Bilder decken den Zusammenhang der Welt zu, dies um so mehr,
als jedes Bild, auch jede nur einige Augenblicke währende Wochenschau-Szene, fetzenhaft bleibt, uns also „kausalitätsblind" macht. Da Bilder kaum je Zusammen-hänge zeigen, sondern eben nur ein „dies und das", werden wir in rein sinnliche
Wesen verwandelt, und dieser Sieg der „Sinnlichkeit" ist ungleich verhängnisvoller
als der Lolitahafte unterhalb der Gürtellinie.