Der Ort Werder, die Insel Werder, der Obstbau und die Ziegeleien:
Theodor Fontane. Werder und der Obstbau — Arbeits- und Lebensweise

Und Kirschen wie ein Mädchenmund.

Werder Hafen. Verladen der "Tinen",
im Hintergrund das Dampfschiff
»Marie Luise« nach Berlin.
Noch einiges Statistisches.
Auch Zahlen haben eine gewisse Romantik. Wie viele Menschen erdrückt oder totgeschossen wurden, hat zu allen Zeiten einen geheimnisvollen Zauber ausgeübt; an Interesse steht dem vielleicht am nächsten, wieviel gegessen worden ist. So sei es denn auch uns vergönnt, erst mit kurzen Notizen zu debütieren und dann eine halbe Seite lang in Zahlen zu schwelgen.
Mit dem ersten Juni beginnt die Saison. Sie beginnt, von Raritäten abgesehen, mit Erdbeeren. Dann folgen die süßen Kirschen aller Grade und Farben, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren schließen sich an. Ende Juli ist die Saison auf der Höhe. Der Verkehr läßt nach, aber nur, um Mitte August einen neuen Aufschwung zu nehmen. Die sauren Kirschen eröffnen den Zug; Aprikosen und Pfirsich folgen; zur Pflaumenzeit wird noch einmal die schwindelnde Höhe der letzten Juliwochen erreicht. Mit der Traube schließt die Saison. Man kann von einer Sommer- und Herbstcampagne sprechen. Der Höhepunkt jener fällt in die Mitte Juli, der Höhepunkt dieser in die Mitte September. Die Knupperkirsche einerseits, die blaue Pflaume andererseits — sie sind es, die über die Saison entscheiden.
Der Versand ist enorm. Er beginnt mit 1 000 Tienen, steigt in rapider Schnelligkeit auf 3.000, auf 5.000, hält sich, sinkt, steigt wieder und tritt mit 1 000 Tienen, ganz wie er begonnen, schließlich vom Schauplatz ab.

"Tine", wie im Text besprochen
(1 Preuß. Metze = 1/9 Kubikfuss = 3 Quart = 3,43509 Liter, also: 3 Metzen = 3,43509 Ltr x 3 = 10,30527 Liter).
Der Preis einer Tiene ist 15 Silbergroschen. Dies würde bei Zugrundelegung des Minimalsatzes, in 4 Monaten oder 120 Tagen einen Gesamtabsatz von 120 mal 3 000, also von 360 000 Tienen (*) ergeben. Dies ist aber zu niedrig gerechnet, da 360.000 Tienen, die Tiene zu 15 Silbergroschen, nur einer Gesamteinnahme von 180.000 Talern entsprechen würden, während diese auf 280.000 Taler angegeben wird. Gleichviel indes; dem Berliner wird unter allen Umständen der Ruhm verbleiben, als Minimalsatz alljährlich eine Million Metzen werdersches Obst zu konsumieren. Solche Zahlen sind schmeichelhaft und richten auf.
Sie richten auf — in erster Reihe natürlich die Werderschen selbst, die die entsprechende Summe einzuheimsen haben, und in der Tat, auf dem Werder und seinen Dependenzien ist ein solider Durchschnittswohlstand zu Hause. Aber man würde doch sehr irregehn, wenn man hier, in modernem Sinne, großes Vermögen, aufgespeicherte Schätze suchen wollte. Wer persönlich anfaßt und fleißig arbeitet, wird selten reich; reich wird der, der mit der Arbeit hundert anderer Handel treibt, sie als kluger Rechner sich zunutze macht. An solche Modernität ist hier nicht zu denken. Dazu kommen die bedeutenden Kosten, Lohnzahlungen und Ausfälle.
Eine Tiene Obst, wir gaben es schon an, bringt im Durchschnitt fünfzehn Silbergroschen; davon kommen sofort in Wegfall : anderthalb Silbergroschen für Pflückerlohn und ebenfalls anderthalb Silbergroschen für Transport. Aber die eigentlichen Auslagen liegen schon weit vorher. Die Führung großer Landwirtschaften ist aus den mannigfachsten Gründen, aus Mangel an Wiesen und vielleicht nicht minder aus Mangel an Zeit und Kräften, auf dem Werder so gut wie unmöglich; es fehlt an Dung, und diese Unerläßlichkeit muß aus der Nachbarschaft, meist aus Potsdam, mühsam herbeigeschafft werden. Eine Fuhre Dung kostet sieben Taler. Dies allein bedingt die stärksten Abzüge. Was aber vor allem einen eigentlichen Reichtum nicht aufkommen läßt, das sind die Ausfalljahre, wo die Anstrengungen, um noch größerem Unheile vorzu-beugen, verdoppelt werden müssen und wo dennoch mit einem Defizit abgeschlossen wird. Die Überschüsse früherer Jahre müssen dann aushelfen. Derartige Ausfalljahre sind solche, wo entweder starke Fröste die großen Obstplantagen zerstören oder wo im Frühling die Schwaben und Blatthöhler das junge Laub töten, die Ernte reduzieren und oft die Bäume dazu. So gibt es denn unter den Werderschen eine Anzahl wohlhabender Leute, aber wenig reiche. Es ist auch hier dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen.
(*) Ein sehr bedeutender Teil des werderschen Obstes, namentlich aus den an der Eisenbahn gelegenen Obstbergen, geht nicht per Schiff, sondern vermittelst Bahn nach Berlin. Auch dieser Verkehr ist außerordentlich bedeutend. Ob er in den Zahlen, die wir vorstehend verzeichnet haben, mit einbegriffen ist oder nicht, vermögen wir nicht mit Bestimmtheit zu sagen.
Eine reiche, immer wachsende Kultur !

In Werder entwickelte
Leiter zur Obsternte.

Bitte hier klicken !

Obsternte, Kerry.

Obsternte, Mönchsapfel.
Die Flußausbeute verlor mehr und mehr ihre Bedeutung; die Gärtnerzunft begann die Fischerzunft aus dem Felde zu schlagen, und das sich namentlich unter König Friedrich Wilhelm I., auch nach der Seite der »guten Küche« hin, schnell entwickelnde Potsdam begann seinen Einfluß auf die Umwandlung Werders zu üben. Der König, selber ein Feinschmecker, mochte unter den ersten sein, die anfingen, eine werdersche Kirsche von den üblichen Landesprodukten gleichen Namens zu unterscheiden. Außer den Kirschen aber war es zumeist das Strauchobst, das die Aufmerksamkeit des Kenners auf Werder hinlenkte. Statt der bekannten Bauernhimbeere, wie man ihr noch jetzt begegnet, die Schattenseite hart, die Sonnenseite madig, gedieh hier eine Spezies, die, in Farbe, Größe und strotzender Fülle prunkend, aus Gegenden hierhergetragen schien, wo Sonne und Wasser eine südliche Brutkraft üben.