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METOPEN  AM  ZEUS-TEMPEL  IN  OLYMPIA
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Ein Überblick zur Bedeutungsgeschichte des Herakles - Mythos

in:
TERROR UND SPIEL
Probleme der Mythenrezeption ( POETIK UND HERMENEUTIK IV );
Hsg. von Manfred Fuhrmann. Wilhelm Fink Verlag München. 1971, S. 267

Schiller und die Tradition des Herakles - Mythos — Reinhardt Habel

II.
Eine Bedeutungsgeschichte des Heraklesmythos innerhalb der Neuzeit kann nicht
— und besonders in diesem Fall nicht — auf die antiken Quellen verzichten, denn
wesentliche Aspekte werden schon am Anfang dem Gesamtbild eingefügt und
bleiben bis in die Gegenwart erhalten.

  Bei der Behandlung dieser Fragen wird es allerdings unumgänglich, eklektisch vorzugehen, weil sowohl die weite Verbreitung des Heroenkultus als auch die damit einhergehende Vermannigfaltigung des Mythos in zahllose Lokalvarianten fast unlösbare Probleme aufgibt, wie die Forschung eindrucksvoll gezeigt hat. 5. )  Es hat außerdem nicht viel Sinn, die ungezählten Einzelheiten der griechischen und römischen Herakles - Traditionen ( etwa die gewiß wichtige Geburtsgeschichte, die Jugend oder die vielfältigen Abenteuer außerhalb der bekannten zwölf Arbeiten ) hier anzuführen, und zwar deshalb, weil sie in unserem Zusammenhang ( Schiller und die Tradition des Herakles - Mythos ) keine Rolle spielen. Für den vorliegenden Zweck mag es deshalb erlaubt sein, stark vereinfachend auf vier Handlungsgruppen der antiken Herakles - Überlieferung zu rekurrieren. Es wird sich zeigen, daß mit dieser Aufteilung bereits bestimmte Deutungstypen angesprochen werden.

 
 

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a.)  Die zwölf Arbeiten des Herakles ( der sogen. DODEKATHLOS ), die als Ganzes
oder als Episoden häufig künstlerisch reproduziert werden, doch dies vor allem in der bildenden Kunst ( Architekturplastik, Vasenmalerei ). Die Tragödie konnte hier weniger anknüpfen, weil die Gestalt des Heros in den Arbeiten einseitig auf den durch physische Kraft überlegenden, sieghaften, im übrigen aber unproblematischen Überwinder seiner Feinde festgelegt war. Dieser Teil des Mythos kommt deshalb nur immer dann zur Sprache, wenn Kraft, Mut und die Tugend der freiwilligen Bescheidung in das auferlegte Los der Dienstbarkeit, wenn die Verdienste um die Befreiung der Menschen von Unge-
heuern oder um die Befreiung und Humanisierung der Welt hervorgehoben werden sollen. Durch seine Buntheit kam dem Ganzen mehr episches oder gelegentlich auch komödienhaftes Interesse zu. 6. )

b.)  Von anderem Charakter sind gewisse Ereignisse, die außerhalb der vita activa des Dodekathlos liegen und in denen sich der Held besonders in seiner Not, Schwäche und Schuldverstrickung zeigt. Das gilt vor allem für den Wahnsinn des Herakles, mit dem er von seiner göttlichen Widersacherin Hera geschlagen wird, und in der er blind zerstörend seine Gattin Megara und seine Kinder ermordet. Hier offenbart die Fabel in der Deutung der Tragödie die antwortlose Frage nach dem Sinn der Siege, nach der Größe des Helden, der am Ende seiner Taten selbst den Hades bezwang.

Dieser Typ des Hercules furens, wie er von Euripides und in einiger Abwandlung von Seneca gezeigt wird, wagt sich gewissermaßen an die Nachtseite des Heroismus heran und legt den Abgrund des Menschlichen im Halbgott offen. Die Paradoxie des Sowohl-als-Auch, des göttlichen und irdischen, wird damit zu einem Grundzug der Gestalt
überall da, wo die Gebrochenheit des Menschlichen bzw. das Mißverhältnis zum Göttlichen vordringlich erfahren wird.

 
 

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c.)  Eine dritte Gruppe von Ereignissen versammelt sich um den Tod und die Apothe-
ose
des Herakles. Das Ende, von der zweiten Gattin Deianeira unwissend durch das Geschenk des Nessus-Gewandes bewirkt, führt den Helden zum letzten Mal in die
tiefe Erniedrigung irdischer Schmerzen, läßt ihn aber zugleich auch auf dem Gipfel
heroischer Selbstüberwindung und Schicksalsbemeisterung erscheinen, wodurch
der Übertritt in den Gott seine Rechtfertigung findet. Der göttliche Teil in Herakles erhält endgültig das Übergewicht, und in den Flammen des Scheiterhaufens verzehren bis auf den letzten Rest das Sterbliche an dem Verklärten. Sophokles geht in den Trachiniai
nur bis zur Schilderung der Schmerzen und den letzten Anordnungen des Helden zu seiner Verbrennung, während Seneca im Hercules Oetaeus gerade die Apotheose zum breit ausgeführten Endgipfel der Tragödie stilisiert. 7. )  In einer Wolke erscheint der Gott zuletzt seiner irdischen Mutter Alkmena und spendet ihr Trost durch die Verkündigung seines neuen Zustandes :


Was an mir war von sterblicher
Natur und was mein Erbteil war von dir,
Die Flamme hat's gereinigt, die ich zwang.
Der Sohn des Zeus geht nun zum Himmel ein;
Dein sterblich Kind verging im Leichenfeuer ( ... )
Der Held schwingt sich zum Sternenglanz empor;
Der Feige nur versinkt in Todesnacht.
Von Sternenhöhen sprech ich zu dir ( ... ) 8. )

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Die Epiphanie des neuen Gottes, der das irdische Dasein erlitten und den Tod überwunden hat, ist eine greifbare Vorbereitung auf ein weiteres historisch relevantes Element der Herakles-Deutung, das bereits in der Antike begründet und bis auf Hölderlin und Creuzer tradiert wird : die Präfiguration Christi, wie sie ebenfalls im 1. Jahrhundert
n. Chr. beginnt und von Philo und Flavius Josephus über die Kirchenväter ( besonders Eusebius und Augustin ) bis in die Bibelkommentare des 17. Jahrhunderts hinüberreicht.

Der Typ des verklärten Herakles berührt sich zwar in bestimmten Zügen noch mit dem des zuvor genannten Hercules furens, da er die Problematik irdischer Verstrickung noch enthält, doch liegt der grundsätzliche Unterschied offen zu Tage. Das Ziel weist jetzt in die entgegengesetzte Richtung, das Menschlich-Bedingte ist nur Durchgang und wird vollständig aufgelöst. Herakles ist bekanntlich der wichtigste antike Heros, der nach seiner Apotheose in den Olymp aufgenommen wird. Hera nimmt ihn als Sohn an und vermählt ihn mit Hebe, der schönsten der Göttinnnen wie es bei Pindar heißt. 9. )

Dieses letzte Ereignis hat also nichts mehr mit der Apotheose selbst und noch viel weniger mit allem, was davor liegt, zu tun. Vom Menschen und seiner tragischen Bedingtheit ist nicht mehr die Rede, der Mythos begiebt sich auf die Stufe reiner Göttergeschichte. Somit kann rückblickend festgehalten werden, daß schon in der Antike die problematische Spannung des Gottmenschen fixiert und daß die beiden
Pole dieser Spannung, der Mensch und der Gott, exemplarisch an die Gestalt des Herakles gebunden werden.

 
INDEX NEUSTART

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d.)  Ein Vierter, wahrscheinlich nicht ursprünglicher Bestandteil des Mythos ist die von Xenophon ( Morabilien II, 1 ) berichtete, von Prodikos von Keos übernommene Fabel
von Herakles am Scheidewege. Hier kämpfen die beiden allegorischen Frauengestalten der Eudaimonia ( irdische Glückseligkeit ) und der Areté ( Tugend ) um die Gunst des Jünglings und zeigen ihm kontrastierend die Vorzüge des Lebensgenusses durch Liebe, Reichtum und Macht und des Guten durch Gerechtigkeit, Wahrheit und irdischer Entsagung. Der Held entscheidet sich für den langen, mühseligen Weg der Tugend.


Schon die Form als philosophisches Streitgespräch bzw. rhetorischer Musterdialoge weist auf die späte Entstehung hin. Die Erzählung ist von vornherein als Exemplifi-zierung einer These mit lehrhafter Absicht gefaßt. Sie wird dadurch zum Ausgangspunkt für eine unabsehbare Fülle ähnlicher moraldidaktischer Dialoge, in denen die Verfechter entgegengesetzter Meinungen in allegorischer Verkleidung auftreten. Für die Herakles-Tradition ist sie nicht weniger wichtig geworden, weil sie den Tugendbegriff exegetisch und philosophisch mit Herakles in Verbindung bringt und zum ersten Mal durch Allegorese für eine rein begriffliche Auslegung des bildhaften Mythos den Anstoß gibt.

Hier wird gewissermaßen der Grund gelegt für die später so folgenreiche ethisch-allegorische Qualität der Herakles-Gestalt, und es erscheint naheliegend, daß dies genügend Anregung bot, auch die übrigen Taten des Heros einer gleichen Exegese
zu unterziehen, so daß er schließlich zu einem Gott der Philosophen, besonders der Kyniker und Stoiker, wurde. 10. )  Das Element der Selbstläuterung, bei dem die zwölf Arbeiten nun als der Weg zur menschlichen Vollkommenheit, d.h. als Voraussetzung
für die Vergöttlichung im Tode verstanden werden, steht deshalb mit der Erzählung von Herakles am Scheidewege in engster Beziehung.

 
 

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  Anmerkungen aus dem Text zuvor :
 
U. v. Wilamowitz-Möllendorff, Euripides' Herakles, Bd. 1-2, Berlin 1895
P. Friedländer, Herakles, Berlin 1907 ( Philolog. Untersuchungen 19 )
B. Schweitzer, Herakles. Aufsätze zur griech. Religions- u.     Sagengeschichte, Tübingen 1922
J. Bayet, Les origines de l'Hercule Romain, Paris 1926

Vgl. F. Brommer, Herakles. Die zwölf Taten des Helden in antiker Kunst und Literatur, Köln 1953

Dazu F. Stoessl, Der Tod des Herakles. Arbeitsweise und Formen der antiken Sagendichtung, Zürich 1945

Hercules Oetaeus
V, 3. Übertr. v. W.A. Swoboda.
Ähnlich Ovid, Met. IX, v. 262 sq

10. Nemeische Ode, I c

Dazu F. Friedl, Der Sophist Prodikus und die Wandlung seines
> Herakles am Scheidewege < durch die römische und deutsche Literatur
, in Jahresbericht des k.k.l. Staatsgymnasiums zu Laibach (...),
Laibach 1908, p. 3-46