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METOPEN  AM  ZEUS-TEMPEL  IN  OLYMPIA
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Die Entwicklung der Heroen-Mythen

Griechische Mythen — Ihre Bedeutung und Funktion;
Geoffrey Stephen Kirk. rowohlts enzyklopädie 444. 1987, S. 139 - 140 und 169 / 172

Goldmann Verlag 1987 — ISBN 3-442-1168-9
 
  Kapitel 7
Die Heroen
Kapitel 8
Das mythische Leben des Herakles
 


   So beeindruckend auch einige Göttermythen sein mögen, so verkörpern doch
die Heroenmythen die berühmteste und phantasievollste Seite der traditionellen Erzählungen Griechenlands insgesamt. Viele, womöglich die meisten anderen ethnischen Sammlungen erschöpfen sich praktisch in Göttererzählungen, wenige befassen sich mit Heroen.
Das alte Mesopotamien und Ägypten sind ein Beispiel hierfür.

Natürlich sind die
mesopotamischen Erzählungen über Gilgamesch einfallsreich und unter vielen Gesichtspunkten wichtig; hingegen sind die ägyptischen Heroen ihrer Anzahl nach gering und, was ihre Wesensmerkmale betrifft, vorwiegend legendär und realistisch. In Griechenland aber sind sie nicht mehr zu zählen und in ihrer Vielzahl von Handlungen miteinander verwickelt. Standardsituationen sind zwar häufig, aber die epische Vielfalt insgesamt übertrifft bei weitem die der Göttermythen.

   Philologen haben manchmal die Ansicht vertreten, daß allein schon der Name einen Hinweis auf das Alter der Heroen und ihrer Mythen geben könnte. Diejenigen, die mit -eus  enden, besonders wenn ihr Stamm nichtgriechisch ist, werden für die frühesten gehalten. Das läßt sich noch mit weniger berühmten Heroen wie Tydeus, Neleus, Salmoneus und eventuell Orpheus machen. Demnach wären Theseus und Dineus mit ihrem griechischen Wortstamm sekundäre Bildungen, während Archilleus ( im Latei-nischen Archilles ) zur älteren Gruppe zählen würde und nicht, wie sein mythischer Kontext nahelegt, zu der jüngeren, quasi-legendären. Sein Vater Peleus kann weder
in die eine noch in die andere Gruppe eingeordnet werden, da sich sein Name von dem Berg Pelion, ebenfalls wahrscheinlich vorgriechischen Ursprungs, herleitet.

   Es zeigt sich, daß viele Heroen, deren Namen auf  -eus enden, Söhne mit ausge-sprochen griechischer Namenszusammensetzung haben: so ist Agamemnon der Sohn
von Atreus und Neo-ptolemos der des Archilleus. Mehrere von ihnen gehören zur Gruppe der jüngeren Heroen, während die, deren Namen weder griechisch sind noch auf  -eus enden, wie Kadmos, Bellerophon(tes) oder Tantalos, bei den älteren angesiedelt sind.
Im großen und ganzen aber ist dies ein spekulatives und inadäquates Kriterium, zumal einige Namen, wie Oidipus, Perseus, Kaineus, Iason, entweder griechischen oder
ausländischen Ursprungs sein könnten.

Das Problem wird komplizierter, wenn man einsieht, daß schon um  2.1oo v. Chr. auf
der Halbinsel griechisch gesprochen wurde,daß die Mykener durch und durch Griechen waren und daß die in Linearschrift B beschrifteten Tontafeln darauf hindeuten, daß alle diese verschiedenen Namen bereits Ende des Bronzezeitalters gebräuchlich waren. Herakles schließlich ist ohne Zweifel einer der älteren Heroen. Dennoch ist sein Name der Form nach griechisch und bedeutet in etwa soviel wie die » Verherrlichung Heras «.

kap8

  

 


Kapitel 8
Das mythische Leben des Herakles

   Herakles überragt nicht nur alle anderen Heroen an Bedeutung, wer ihm nachforscht, stößt dabei auf die größten Hindernisse. Sogar den Griechen war er in gewisser Weise ein Rätsel, nicht zuletzt wegen seiner ambivalenten Stellung als Heros und Gott in
einem : er allein stieg vom Heros zur Olympischen Gottheit auf. Daran lassen seine Mythen keinen Zweifel. Trotz Heras beständigem Haß wurde er schließlich von seinem Begräbnisscheiterhaufen auf dem Berge Oita entfernt und unsterblich gemacht. Damit nicht genug, erhielt er auch noch Heras eigene Tochter Hebe ( deren Name Jugend bedeutet ) zur Frau. Auch wurde er in seinen beiden Eigenschaften besänftigt, da sich die Opfer an die Götter und Heroen voneinander unterschieden.

   Noch ein ungewöhnlicher Aspekt seines Heldendaseins bestand darin, daß er kein
Grab besaß. Die meisten Helden hatten eher zu viele, da es für eine Stadt von großem Vorteil war, die Gebeine eines Schutzheros für sich beanspruchen zu können. In für Athen schwierigen Zeiten wurde Kimon ausgesandt, um von der Insel Skyros die
Gebeine des Theseus zurückzuholen; es gelang ihm, wenigstens einige von den Gebeinen zurückzubringen, die allerdings waren sehr groß. Sicherlich gab es viele
Orte in der griechischen Welt, die nur zu gerne Herakles' Grab bei sich gesehen
hätten, genauso wie sie seine mythische Reiseroute mit Vorliebe durch ihr Terretorium umleiteten. Letzteres war einfacher zu bewerkstelligen. Ein Grab hätte einen Skandal verursacht, da es ja gerade darum ging, daß sein Körper verbrannt und er im Himmel aufgenommen worden war; einzig der Scheiterhaufen blieb übrig.

   Der Gedanke, Herakles zu einem Gott zu machen, scheint nicht sehr alt zu sein
und geht allerhöchstens auf das 7. Jahrhundert zurück. Das kann mit einiger Sicher-
heit behauptet werden, da die Homerischen Dichtungen ausdrücklich an zwei Stellen
erwähnen, daß er sterblich war. Nur einmal wird davon gesprochen, daß er auch ein
Gott ist — in einer Passage, von der man mit guten Gründen annehmen darf, daß sie
erst später hinzugefügt wurde. In der Ilias 18, 117-119, sagt Archilleus :

„ Nicht einmal der gewaltige Herakles, der ein Liebling war des Herrschers Zeus, des Sohns des Kronos, entging dem Tod, sondern das Schicksal
und Heras heftiger Grimm brachten ihn zu Fall ";


als aber Odysseus im elften Gesang der Odyssee in den Hades  hinabsteigt, sieht er dort einige tote Heroen, unter ihnen auch Sisyphos :  


„ Nach ihm sah ich den gewaltigen Herakles — sein Schattenbild; denn er selbst erfreut sich unter den unsterblichen Göttern bei festlichem Gelage und hat Hebe mit den schönen Fesseln zur Gattin, das Kind des mächtigen Zeus und der goldbeschuhten Hera. Um ihn herum war das Schwirren von Toten wie das von Vögeln, wenn sie erschreckt nach allen Richtungen fliehen; er glich der finsteren Nacht, hatte den hüllenlosen Bogen und einen Pfeil auf der Sehne und spähte schrecklich umher, als sei er allzeit bereit zu schießen (6o1- 6o8)".

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INDEX NEUSTART


   Das Problem der Vergöttlichung Herakles' wirft bis heute ungelöste Fragen auf,
für deren Beantwortung schon der Historiker Herodot sich großer Mühe unterzog. Mißlicherweise ging er von der Vorstellung aus, eine der zwölf ägyptischen Gottheiten
sei mit Herakles identisch, dessen Geschichte folglich noch Generationen vor dem trojanischen Krieg begonnen haben müßte, eine Annahme, die der griechischen
Mythen entgegenläuft.

Um der Sache weiter nachzugehen, fuhr Herodot sogar eigens nach Tyre in Phoinikien, wo sich ein berühmter Herakles-Tempel befinden sollte. Die Priester dort behaupteten, der Kult sei nicht weniger als 2.3oo Jahre alt. Ein weiterer Besuch auf der Insel Thasos
in der nördlichen Ägäis deutete darauf hin, daß der phoinikische Herakles etwa fünf Generationen vor dem griechischen Herakles genau auf der Grenze zur griechischen Welt etabliert worden war. Herodot war erneut irregeleitet worden, diesmal durch die Identifizierung ( die sich jedoch als haltlos erwies ) mit dem phoinikischen Gott Melkarth. Die Bedeutung dieser Aufgabe aber und die einmalige Stellung des Herakles werden durch das entschiedene und energische Nachgehen jeder Spur seitens des Historikers bestätigt. 1. )
zur222
    Die Schwierigkeiten, die Ereignisse analog zu Herakles' Lebzeiten zu ordnen, sind nicht zu übersehen. Es gibt eine Menge an antiken Beweismaterial, das meiste davon aus dem 5. Jahrhundert und später. Schon die klassischen Dichter besaßen die unter-schiedlichsten Berichte, auf die sie zurückgreifen konnten, und in weit größerem Maße als alle anderen Heroen wurde Herakles' Leben freien Umarbeitungen und Berichtigungen unterworfen. Wir wissen, daß er Gegenstand subepischer Gedichte war, die nicht mehr erhalten sind.

   Wahrscheinlich aber ist der Herakles-Mythos in seiner ursprünglichen Form noch
lange vor Homer und Hesiod entstanden — wenigstens in mykenischer Zeit, Teile davon
noch früher. Eine wissenschaftliche Erforschung des klassischen Materials trägt leider
zu keiner Klärung der vorhomerischen Zeit bei, für unsere Zwecke kann das Beweis-material in äußerst einfacher Form dargelegt werden. Das gilt auch für die ikonogra-phischen Beweise, das heißt, für Szenen aus Herakles' Leben, die seit Beginn des
6. Jahrhunderts unzählige Male auf Vasenmalereien und in geringerem Ausmaß auf anderen Kunstwerken, vornehmlich Tempelskulpturen, anzutreffen sind. Eine auf
Vollständigkeit angelegte Untersuchung dieser Szenen, die noch immer auf sich
warten läßt, 2. ) wird hier von großem Nutzen sein, da sie meist früher als jede erhaltene
literarische Quelle von einem neuen Detail zeugen. Eine derartige Untersuchung wird
jedoch wenig zur Klärung des vorhomerischen Herakles, dem unser vordringliches
Interesse gilt, beitragen können.

 
 

fuss

  Anmerkungen aus dem Text zuvor :
  Herodot 2, 44
 
Vgl. F. Brommer, Herakles. Die zwölf Taten des Helden in antiker Kunst und Literatur, Köln 1953

Ders., Vasenlisten zu griechischen Heldensagen, 2. verb. und erw. Aufl., Marburg / Lahn 1960