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Faszination
des Mythos — Vorwort

Studien zu antiken und modernen Interpretationen;
Herausgegeben von Renate Schlesier. Stroemfeld / Roter Stern. 1985



Vorwort

   Ohne Zweifel : Mythos ist ein Kampfbegriff. Seit Platon bezeichnet er das Andere des Logos, demgegenüber nur zwei Haltungen möglich zu sein scheinen : es auszugrenzen oder aber sich ihm zu verschreiben. Aus der Geschichte des aufklärerischen Umgangs mit dem Mythos und der Mythologie läßt sich indes die Erfahrung gewinnen, daß eine entmythologisierende Ausgrenzung des Mythos vor Remythologisierungen nicht zu schützen vermag. Über die Zwanghaftigkeit dieses Vorgangs kann auch die Leichtigkeit nicht hinwegtäuschen, mit der er einsetzt und immer von neuem wiederholt wird. Die Antwort, die der Mythosbegriff zu sein beansprucht, die Antworten, die die Mythenstoffe zu liefern scheinen, erweisen sich auf den zweiten Blick jedesmal als offene Fragen, als etwas, das noch nicht an sein Ende gekommen ist. Den Beweis für die Erschöpflichkeit dieses Reservoirs von Fragen, aus denen die mythologische Anthropologie gebildet ist, hat bisher noch niemand angetreten.

Einige dieser offenen Fragen sind Gegenstand dieses Bandes. An ihrem Beispiel versuchen die Autoren — Philosophen und klassische Philologen, Psychoanalytiker
und Religionswissenschaftler — den Gründen für die analytische Fragwürdigkeit des Mythosbegriffs, für die attraktive Sperrigkeit der Mythenstoffe auf die Spur zu kommen. Was sie verbindet, bei allen methodischen und erkenntnistheoretischen Differenzen,
ist ein anthropologisches — und deshalb auch anthropologie-kritisches — Interesse,
ist der Impetus einer Aufklärungskritik in aufklärerischer Absicht.

   » Mythos ist kein Schimpfwort « ( Ernst Bloch ): So zu sprechen heißt, den Mythos-begriff retten, ihn gegenüber seiner destruktiven oder auch apologetischen Funktion in Schutz nehmen zu wollen. Denn eben als Schimpfwort hat er bei seinen Verächtern gewirkt, zum Schimpfwort ist er, über den Mißbrauch durch seine Verteidiger, geworden. Einer Ratio, die das ihr Widersprechende oder in ihr nicht Aufgehende, ihr Anstößige, Verdächtige, Riskante aus sich auszuschließen gezwungen ist, mußte der Mythos als Skandalon erscheinen, demgegenüber Abwehrprozesse ins Werk zu setzen waren,
die sich als säkularisierte, deshalb jedoch nicht weniger ritualisierte Opferprozesse beschreiben lassen :

Klare Trennung, distinkte Unterscheidungen, Vereinheitlichungen durch Herstellung
von Kohärenzen und Invarianten um jeden Preis. Spätestens aber wenn die Abwehr nachläßt, wird offenkundig, daß sie das von ihr Negierte nicht aus der Welt zu schaffen vermochte, daß es weiterlebte und wirksam blieb. Diese Erfahrung der Aufbewahrung
des Skandalösen in der Negation drückt Freuds Formulierung der psychoanalytischen Grundregel aus, die den Patienten dazu verpflichtet, » alles zu sagen, was ihm durch
den Kopf gehe, auch wenn es ihm unangenehm sei, auch wenn es ihm unwichtig, nicht dazugehörig oder unsinnig erscheine «, also Verneinungen nicht anzuerkennen und sie rückgängig zu machen, mit denen das Nicht-Eindeutige als Irrationales dingfest gemacht werden soll.

 

 
  
 


    Indes : Nicht einfach wegen ihrer unleugbaren Uneinigkeit waren und sind Mythen-stoffe der aufklärerischen Rationalität, wie anderes von ihr Verdrängte, skandalös. Skandalös wird vielmehr ihre alle Negationen in Frage stellende und sie zugleich herausfordernde Anziehungskraft empfunden. Ausgegrenzt, zumindest aber erträglich gemacht werden soll das, was an ihnen und durch sie fasziniert. Abgestoßen oder wenigstens aushaltbar gemacht werden sollen die Verlockungen und Verstrickungen durch die und in den Mythen, denen zu entrinnen allenfalls, so warnt Platon in Phaidros, einem deinos anèr, einem gewaltigen, ja schrecklichen Mann gelingen könnte. Allein einem Mann also, und dazu einem, der offenbar selber über die Gewaltsamkeiten
eines mythologischen Heros wie Herakles verfügen und sich wie dieser den von ihm überwundenen schrecklichen Ungeheuern der Mythologie angeglichen haben müßte.

    Damit sind, neben und im Zusammenhang mit der Skandalisierung des Mythos und der Faszination durch die Mythologie, drei Motive angesprochen, denen von den Autoren dieses Bandes, nicht zuletzt am Beispiel von Stoffen und Figuren aus der antiken griechischen Mythologie, besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird : der Heros der
» Mühe als Ruhm « ( Nicole Loraux ), Herakles; die Faszinationsfigur par exellence des Schreckens, die Gorgo Medusa; und durch sie, aber nicht allein an ihnen vermittelt,
die Spannung, in der, mythologisch und mythenkritisch, die Weiblichkeit gehalten ist.

   In der Tat läßt sich an Mythentheorien wie denen der Psychoanalyse oder des Strukturalismus zeigen, daß aufklärerische Mythenforschung Mythologie so behandelt, wie traditionell, und noch bei Freud, Weiblichkeit behandelt wird, nämlich als etwas, daß als Bedrohung empfunden wird und deshalb einem Zurichtungsunternehmen unterworfen werden muß.

   Das Zustandekommen wie das Scheitern solcher Unterwerfungs- und Verstümme-
lungsvorgänge aber wird in den Mythen selber thematisiert. Mögen für sie auch der Ausgleich von Spannungen, die Darstellung in Balance gehaltener Widersprüche zentral sein — die Balance ist immer nur eine vorläufige, wenn nicht gar scheinbare, und bringt die Konflikte nicht ein für allemal zum Verschwinden. Die Mythen sind nicht allein ein Konfliktstoff für die Mythenkritiker, sondern ein Stoff, der selber Konflikte, deren Denk- und Handlungsalternativen und deren Lösungsversuche quasi experimentell vorführt;
sie haben selber, das zeigt bereits ihre endlose Uminterpretierbarkeit, kritische, analytische Qualität.

   Diese Qualität ist es, die der kultische Umgang mit dem Mythos wegzuschlagen sucht. Mythen, anders als der Mythos, entziehen sich einem solchen Umgang.
Sie können nur erzählt, in Bildern dargestellt, befragt und untersucht werden
— anbeten lassen sie sich nicht. Wohl aber der Mythos. Wird dieser zum Adorations-
objekt gemacht — wie dies Klassizismus und Ästhetizismus vorführen — zählen die vieldeutigen und divergierenden Repräsentationen und Ausdrucks-Valeurs der Mythen nicht mehr. Möglichst keine Bedeutung — wie dies eine zeichentheoretische Mythent-heorie behauptet — sollen sie haben, oder eindeutig in einem in sich geschlossenen mythischen Denken aufzulösen sein; allenfalls Zweideutigkeit wird ihnen —
wie in theologisierenden Interpretationen der klassischen Philologie — zugestanden.

 

 
  
 


   Die Stoffe und Figuren der antiken griechischen Mythologie sind gerade deshalb als skandalös betrachtet worden, weil bei ihnen Phantasie und Wirklichkeit nicht zu trennen sind, trotz aller Versuche, sie entweder der einen Seite — als Poesie und bloßer Fiktion — oder der anderen — als Widerspiegelung von Natur- und Geschichtsprozessen — zuzuordnen. Aber noch aus einem anderen Grund : Während der Mythos, kultisch betrachtet, erstarrt, und seine Materie so dem Anorganischen angenähert werden kann, gilt für die Mythologie, wie Friedrich Schlegel formulierte, » alles ist Beziehung und Verwandlung, angebildet und umgebildet «.

Diese der Mythologie spezifische Bewegungs- und Assoziationsqualität, ihr prozess-hafter Reformcharakter, ihre ans Alte und Unfertige anknüpfende Erneuerungsfähigkeit und weiterwirkende ungeschwächte Darstellungskraft drängten in der Tradition des europäischen Materialismus den Vergleich zwischen ihr und der natura naturans auf. Hätte die Mythologie keinerlei Beziehung zu einer in Zeit- und Raumbezügen nicht
aufgehenden Realität, wäre sie tatsächlich nichts Lebendiges, kein weiterlebender,
weiterhin an- und umgebildeter Stoff, so würde sie nicht reizen, würde weder Skanda-lisierung noch Faszination provozieren.

   Trifft es aber zu, daß die Mythologie sich in der spezifischen Zeit und dem spezi-fischen Raum sprachlich und bildlich vermittelten Imaginären bewegt, das Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden vermag, das als beruhigend Vertrautes, als befremdlich Bekanntes wiedergefunden werden kann, so wird der von der Mythologie ausgehende Eindruck des Unheimlichen verständlicher wie zugleich die sich dabei einstellende Suggestion von Heimat, also von » etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war « ( Ernst Bloch ).

   Solch eine Heimat jedoch läßt das Gefühl der Geborgenheit nicht aufkommen.
Die innere Gebrochenheit des Mythos ist es, die seinen Rätselcharakter ausmacht. Mythos ist in der Tat nicht nur ein Spiel ( oder Poesie ), aber nicht allein deshalb, weil
er auch Zwang ( oder Terror ) ist. Das Problem der Mytheninterpretation läßt sich nicht auf eines der Zweideutigkeiten reduzieren; vielmehr rühren die es bestimmenden Schwierigkeiten aus der Nötigung her, fortwährend Übertragungen zwischen vielfältigen und miteinander nicht deckungsgleichen Sprachen und Sphären vorzunehmen.

   Mythen fordern zur Lösung ihrer Rätsel auf, doch ist keineswegs sicher, daß jede Lösung der Rätsel bereits des Rätsels Lösung ist. Ob die Rätsel allerdings endgültig auflösbar, die Analysen beendbar sind, ist höchst zweifelhaft, denn es sieht so aus, als dies das Verschwinden der Mythen voraussetzen würde. Dem bleibenden » Mythenrest «
( Burghart Schmidt ) gegenüber indes erweisen sich Spaltungsvorgänge als stumpf,
Verharmlosungsanstrengungen als ohnmächtig. Wer nicht in einen Dialog mit den
Fragen und Antworten der Mythen und Mytheninterpretationen eintritt — und jede
Mythenerzählung ist schon eine Mytheninterpretation — dem bleibt auch der Monolog,
und sei es der eigene, stumm.

   Wer die Mythen ernstnimmt, als Denkmodelle oder als » existenzielle Chiffren «
( Bernhard Kytzler ), als Darstellung scheiternder Befreiungsversuche oder als Vorfüh-rung unbewältigter Zwänge, als ohne Jammer und Schrecken nicht zu habendes Durch-
spielen und Durcharbeiten von Handlungsmöglichkeiten, verrät, daß sein Interesse am
Mythos ein anthropologisches ist. Eine derart interessierte Mythenforschung muß
auch die in und gegenüber den Mythen sich durchsetzende Mythenkritik ernstnehmen,
darf die in und gegenüber ihnen wirksamen Abwehrvorgänge nicht aus den Augen
verlieren. Vieles spricht dafür, daß ein besseres Verständnis der Mythen, der Anzie-
hung und Abstoßung durch sie bedeuten kann, die Menschen und ihre   » Faszinations-
geschichte « ( Klaus Heinrich ) genauer zu verstehen.

Berlin, im August 1983

R.S.