aaa
METOPEN  AM  ZEUS-TEMPEL  IN  OLYMPIA
< < <  S E I T E  > > >
 


Herakles / Hercules 1
und 2 — Historische Typogonese —
Medienhistorischer Aufriß —
Repertorium zur intermedialen Stoff-und Motivgeschichte.
Ralph Kray / Stephan Oettermann.
Stroemfeld / Roter Stern. 1994, hier Teil 1


II. Historische Typogonese des Herakles / Hercules - Mythos — Ralph Kray

Mimetische Leistungen sind an Leistungen kommunikativer Medien, Gattungen und Formen geknüpft. Medienfunktionen resultieren aus einem Gemisch von Stoff- und Motiv-vorgaben, Medieneigengesetzlichkeiten und soziokulturellen Instrumentalisierungen
( Applikationen ). Ein Gemisch, das sich synchron wie diachron vielgestaltig spezifiziert und darum beweglich ist.

Medien- Gattungs- und Formenwahl regeln die Selektion von Stoff- und Motivpartien
eines Stoffensembles; beides wird wiederum über die Spezifik soziokultureller Instru-mentalisierungen mitkonditioniert. Derart sind die Grenzen des einen Mediums,
der einen Gattung und Kommunikationsform die Möglichkeit des / der anderen.

Das Interesse an synchronen und diachronen Präferenzen, Häufungen, Rückgängen
und Ausfällen von Stoff- und Motivpartien sowie von Medien, Gattungen und Formen einerseits, das Interesse an deren Grenzen oder Möglichkeiten und an Regulierungen zwischen diesen und soziokulturellen Instrumentalisierungen andererseits — kurz :
das Interesse an der historischen Typogenese ( " Motorik " ) des HERAKLES / HERCULES Mythos — bildet den erkenntnisleitenden Hintergrund nachfolgender Studien.

 
 

eins
II. 1. Wege der Tradierung bis zum Mittelalter

II. 1. A.  Heros als Passion — antikes Ambiente

Zumindest für einen Zeitgenossen, der mit dem Namen " Herkules " höchstens noch eine ( was garnicht so schlecht ist ) gängige Fahrrad-, Moped- Motorrad - Marke verbindet und bei " Herakles " schon passen muß, könnte es frappierend sein und zu weiteren Nach-fragen anregen, daß die beachtliche Anzahl primärer Dokumente zu antiken Tradierungs-formen zumindest einen sehr frühen Beginn der " Karriere " dieses Namens ( für Ranke - Graves mehr ein " Titel " ) und der mit ihm verbundenen Heldengestalt in der europä-
ischen Geschichte anzeigt. 56. )

Auf den ersten Blick scheint freilich das Medienspektrum in der Antike noch deutlich
begrenzt : Es dominieren literal - literarische Medienformen auf der einen, bildkünst-lerische Medienformen auf der anderen Seite, wobei — dies hat Hans Brommer aus-führlich veranschaulicht — „ neben der nur bruchstückhaft erhaltenen antiken Literatur ... es vor allem die bildlichen Denkmäler
[ sind ], die Aufschlüsse über die Sagen geben ",   ja „ ... in der Sagengeschichte oft einige Jahrhunderte früher hinaufführen als die erhal-
tene antike Literatur und also damit für die früheste Zeit unsere einzige Quellen sind ".
( Brommer 1953, 1986, 6 ). 57. )

Bedenkt man aber, daß das Gattungsspektrum innerhalb des bildkünstlerischen und literal - literarischen 58. ) Medienspektrums weit aufgefächert ist, bezieht man ferner das bislang weniger beachtete und im Repertorium dingfest gemachte Spektrum geogra-phischer ( etwa Städtenamen, -gründungen ), medizinisch-pharmazeutischer ( etwa das Krankheitsbild der Epelepsie ), technischer ( „ Hercules - Becher ", „ Nodus Herculis " oder der „ Hercules - Automat " Herons v. Alexandria ) und wirtschaftlicher, politischer sowie alltagsrelevanter und populistischer Instrumentalisierungen ( rituelles Brauchtum, Schutzgott- und Beinamensfunktionen, öffentliche Vorführungen, Geld- und Waren-verkehr ect., so ergibt sich bereits für die Antike ein wenn nicht intermediales, so
doch verarbeitungs- und verbreitungstechnisch mehrdimensionales Spektrum an Überlieferungsformen.
zwei
Antworten auf denkbare Nachfragen nach dem motivierenden geschichtlichen Hinter-
grund der antiken Karriere Herakles' werden, wenn diese selbst spezialisiert ausfallen,
in kenntnisreicher Weise von den hochspezialisierten Altertumswissenschaften seit längerem gegeben; auch darauf verweist das Repertorium in seiner Sammlung ausgewählter wichtiger altertumswissenschaftlicher Arbeiten zum Herakles / Hercules - Mythos. Im Erkenntnishorizont von Nachfragen neuerer Philologien bei älteren, spielen gleichwohl diejenigen im antiken Zeitraum aufgebrachten Profile und Funktionen der Herakles - Gestalt eine dominierende Rolle, die geschichtlich transistorisch wirkten. 59. )

Fragt man also etwa bei ethnologisch und historisch - anthropologisch interessierten Altertumswissenschaftlern nach, worin die den frühen griechischen Herakles prägenden Gesichtpunkte liegen könnten, so stößt man auf Formulierungen wie : „ Eher als ein Charakter : eine Figur. Eher als ein Inneres, dessen verborgene Windungen man kurzerhand aufstöbern könnte : eine durch Taten konstituierte Person und die äußere Form eines außergewöhnlichen Körpers ".

INDEX NEUSTART

drei
Solche Antworten warnen offenbar vor jener dezidiert seit Prodikos' ( von Xenophon wiedergegebenen ) „ Scheideweg "- Parabel im ausgehenden 5. Jahrhundert v.Chr. eingegangen und bis in die psychologischen Instrumentalisierungen unseres Jahrhun-derts fortschwelenden Usance, „ den mythischen Heros mit einem Charakter auszu-statten, um ihn dann besser ins Verhör nehmen zu können " ( Loraux 1982, 1985, 167, 169 ). 60. )

Ähnlich Loraux vermerkte Kirk, Herakles sei „ selbstverständlich größtenteils eine fiktive Schöpfung, und bestimmte Seiten an ihm, wie der Hang, Kulte und Spiele zu stiften, spiegelt(te)n gewiß eher ein Bedürfnis weit auseinanderliegender Gemeinschaften,
sich zu institutionalisieren, als einleuchtende Abstufungen in der Psyche eines
einzelnen ", ( Kirk 1974, 1987. S. 169f. ).
vier
Die für Herakles markante und oft beobachtete „ Mischung paradoxer Eigenschaften "
( ebd. 174 ) : er war nicht nur „ Kulturheros ", „ Riesentöter per exelance " und „ Bollwerk gegen die Barberei " ( ebd., 195 ), sondern auch eine Figur, „ bloßer Wut ", „ roher Gewalt " und roher Kraft, wiederholt situativ durchschlagender „ Verrücktheit ", mit
einer ausgeprägten „ bestialischen Seite " und „ babarischen Taten " versehen, eine
Figur nicht nur einzelgängerischer Souveränität, sondern auch der „ duldsame Diener
des Eurystheus " ( ebd., 196f, 192 ) — diese Mischung und die damit verbundene Eigentümlichkeit, daß „ eine konsistente Entwicklung seiner Person oder moralischen Haltung " ( ebd., 174 ) nicht auszumachen ist, mögen zwar „ individualpsychologisch ", charakter- und persönlichkeitsspezifisch codiert sein und haben immer wieder zu Dimensionierungen der Komplexität menschlicher Verhaltensmöglichkeiten Anlaß gegeben ( beispielsweise in der attischen Tragödie ). 61. )

Gleichwohl scheinen Herakles paradoxe Eigenschaften nicht „ individualpsychologisch " oder darstellungsstrategisch motiviert, sondern resultieren aus den heterogenen
„ lokalen Aspekten und Fuktionen ", die sich im Geschichtenensemble niederschlugen, aus der „ kumulativen Art, in der der Herakleszyklus und griechische Mythen im allgemeinen gesammelt wurden " und dem interessenspezifisch multiplen „ gelehrten
und literarischen Organisationsprozeß, dem sie nach und nach unterworfen waren "
( ebd., 193f. ).

 

 
  anmerkungunten
  Anmerkungen aus dem Text zuvor :
 
Ranke - Graves, R. v.; Griechische Mythologie. Quellen und Deutung, 2 Bd. Reinbek 1955, 1965. — Bd. 1, S. 18

Brommer, F. ; Herakles. Die zwölf Taten des Helden in antiker Kunst und Literatur. Darmstadt 1953, 1986. — S. 6

Rösler, W. ; Die Entdeckung der Fiktionalität in der Antike. In: POETICA 12, 1980. — S. 283 - 319

Verfasser : Ähnlich geartet ist in Überlieferungsfragen das Verhältnis zwischen neueren Philologien ( deren geschichtl. Referenzrahmen gewöhnlich mit der Frühen Neuzeit ansetzt ) und Spätantike-, Patristik- und Mittelalterforschung.

Loraux, N.; Herakles: Der Über-Mann und das Weibliche.
In: Schlesier, R. (Hg.), Faszination des Mythos. Studien zu antiken und modernen Interpretationen. Basel, Frankfurt / M. 1982, 1985. — S. 167 - 208

Kirk, G. S.; Griechische Mythen. Ihre Bedeutung und Funktion.
Aus dem Englischen von Renate Schein. Reinbek, 1974, 1987. — S. 196 f.


Fuhrmann, M.; Die antiken Mythen im christlich-heidnischen Weltanschau-ungskampf der Spätantike. In : Antike und Abendland XXXVI, 1990.

Nachdem sich die göttliche Dimension im 5. Jahrhundert ( v.Chr.) verflüchtigt hatte, begann sich die menschliche erst richtig zu entfalten; man könnte auch grob vereinfachend sagen, daß sich ein Fundus theologischer Anschauungs-modelle in einen Fundus psychologischer Anschauungsmodelle verwandelte
( Fuhrmann 1990, S. 144 ).