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Der nemeische Löwe
 
 

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Struktur und Begriff — Mythos

in: — TERROR UND SPIEL
Probleme der Mythenrezeption ( POETIK UND HERMENEUTIK IV );
Hsg. von Manfred Fuhrmann. Wilhelm Fink Verlag München. 1971, S. 296

Hölderlin und der MYTHOS — Ulrich Gaier
I. Struktur des Mythos


1. Der Begriff MUTHOS hat im Griechischen die Bedeutung » Wort, Rede, Auftrag, Geheiß, Versprechen, Rat, Beschluß, Anschlag, Erzählung, Gespräch, Gerücht, Meldung, Botschaft, Fabelhaftes und Erdichtetes 1. ). Aus diesen Konnotationen wird deutlich, daß der Begriff weniger die jeweilige Sache anspricht als die sprachliche und insbesondere gefällig sprachliche Form, in der die Sache erscheint 2. ).

Im Verlauf der Forschungsgeschichte ist der Begriff Mythos mit Konnotationen versehen worden, die mit dem ursprünglichen formbezogenen Wortsinn nicht mehr übereinstim-
men; Mythos wird hier nach zwei Hauptrichtungen metonymisch auf erzählte Inhalte bezogen, nämlich auf Erzählstoffe oder auf den mutmaßlichen verborgenen Grund
des Erzählens hin.
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Der stoffbezogenen Richtung sind Mythen wegen ihres potenziellen historischen Inhalts interessant; der Forscher sieht die Erzählungen hier als Gemisch von Fabeln und
Faktum und versteht es als seine Aufgabe, diese beiden Elemente zu trennen. Was sich als Faktum nachweisen, d. h. in den Kontext anderer Fakten überführen läßt, ist für ihn das eigentliche Wichtige an den Mythen; der Rest ist » literarisch «. Wo sich aus der Erzählung ein Hinweis auf einen Kult, einen Ritus, die Verehrung eines bestimmten
Orts oder Zeitpunkts entnehmen läßt, kann er ein Element des Glaubens vom Mythos scheiden 3. ), dem er im übrigen die Heiligkeit abspricht 4. ).

Als eigentlich religiös gilt ihm der Kult; er ist überzeugt, » daß das Schlingwerk der mythischen Lianen dem Stamme des Götterglaubens schließlich allen Saft ausge-
sogen « hat 5. ). Die im freien Wort erscheinenden, sich nicht fest an kultische Gege-
benheiten bindenden mythischen Erzählungen sind für diese Betrachtungsweise also eine Art verderblicher Zufall oder auch bloß gleichgültiges Trägermedium für wenige historische oder religiös-kultische Goldkörner.
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Aus dieser Betrachtungsweise resultiert dann eine Nivellierung der Unterschiede von
Kult und Mythos : Walter F. Otto nennt den Kult der von ihm angesetzten vorolym-pischen Erdreligion einen » stummen oder wortarmen Mythos «, der sich erst später
in einen » ausgesprochenen und dichterisch gestalteten « verwandelt habe 6. );
Karl Kerényi spricht von einer » mythologischen Idee «, deren freies Hervorströmen Mythologie, deren gebundene Form Kult heißt 7. ).

Der Begriff des Mythos ist hier so weit von seiner Grundbedeutung der Wörtlichkeit entfernt, daß man sie durch ein konträres Epitheton wie » stumm « vollends aufheben kann.

   
 

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Daß aber hier der Kultus auf den Begriff Mythos gebracht wird und nicht umgekehrt, hängt mit der im Bereich der Religionswissenschaft und Philosophiegeschichte entwickelten zweiten Konnotationsrichtung zusammen.

Die Formel » Vom Mythos zum Logos «  8. ) deutet an, welche Inhalte hier in das Blickfeld des Mythenlesers rücken : es ist das Vor- oder Arationale dieser Erzählungen. Sie geben vor, Welt zu erklären, tun es aber mit Hilfe von unkontrollierbaren Götterge-
stalten und mit Geschichten, deren Willkür schon an ihrer Unveränderbarkeit sichtbar
wird. Sie erklären allgemeine Phänomene durch individuelle Handlungen; dauernde
Zustände führen sie auf bestimmte Zeitpunkte zurück. Mythos wird zum Leitwort
für alles Unvernünftige, Unaufgeklärte, das Ammenmärchen.

Antirationale Strömungen schätzen den Mythos gerade um dieser Qualität willen; ihnen scheint durch die farbigen Bilder das Ursprüngliche, Ewig-Gültige; die Naturpoesie der freien Volksphantasie enthüllt und verhüllt zugleich die dauernden Werte und Bestim-
mungsgründe des menschlichen Seins. Damit wird die allegorische Interpretation der antiken Mythographen fortgesetzt; hinter den Mythen muß eine bestimmte formulierbare Bedeutung bestehen; sie sind — bewußt oder unbewußt — Verschlüsselung
bestimmter Gehalte.

Das Wort der mythischen Erzählung ist also hier allegorische Metapher und wird,
sobald es entschlüsselt ist, zugunsten der » gemeinten « Begriffe vergessen.

 

 
INDEX NEUSTART
anmerkung
  Anmerkungen aus dem Text zuvor
 
Nach W. Pape, Griechisch-deutsches Handwörterbuch; Braunschweig 1914

Vgl. z.B. Plat. Prot. 320 c

U. v. Willamowitz-Moellendorff, Der Glaube der Hellenen;
Darmstadt 1955, Bd. 1, p. 1

ib., Bd. 2, p. 95

ib., Bd. 1, p. 42

W.F. Otto, Dionysos : Mythos und Kultus; Frankfurt / M. 1939, p. 24

K. Kerenyi, Die antike Religion. Ein Entwurf von Grundlinien;
Düsseldorf und Köln 1952, p. 45 - 50

W. Nestle, Vom Mythos zum Logos. Die Selbsentfaltung des griechischen Denkens von Homer bis auf die Sophistik und Sokrates; Stuttgart 1942