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   Abbildung o1 :

INDEX  NEUSTART


Das alte chinesische Symbol mit dem Namen T'ai-chi  T'u.
Das Diagramm deutet durch die drehsymmetrische Anordnung des dunklen YIN und
des hellen YANG eine kontinuierliche zyklische Bewegung an. Die beiden Punkte symbolisieren die IDEE, daß eine Kraft auf ihrem Höhepunkt schon ihre Gegenkraft
als Keim enthält.

  Zitiert aus : Ernst P. Fischer — » Die zwei Gesichter der Wahrheit «,
Goldmann Verlag 1987 — ISBN 3-442-1168-9
... weiter im Text S. 11 - 13

DUALITÄT UND KOMPLEMENTARITÄT :

Der tiefe Grund für die Dualität der atomaren Erscheinungen steckt in einem unstetigen Element der Natur, das Max Plank als erster bemerkt hat. Die Energie atomarer Bau-steine kann sich nicht beliebig ändern. Sie nimmt vielmehr unstetig in Form sogenann-
ter Quantensprünge ab oder zu. Die kleinste mögliche Einheit wird dabei durch eine Konstante festgelegt, die nach ihrem Entdecker das Planksche Wirkumsquantum heißt.

Bei einem Meßvorgang muß mindestens ein solches Quantum zwischen dem verwendeten Instrument und dem untersuchten Gegenstand ausgetauscht werden.
Die Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt kann damit nicht beliebig klein
( und also vernachlässigbar ) angesehen werden. Im Gegenteil ! Die Beobachtung führt einen neuen Quantenzustand des vermessenen Objektes herbei, das Subjekt legt mit seinem Eingriff den Zustand des Objektes erst fest. Mit anderen Worten, der Experi-mentator kann entscheiden, wie er zum Beispiel ein Elektron sehen möchte, als Welle oder als Teilchen. Das handelnde Subjekt hat im Bereich der Atome die Möglichkeit,
die Frage » Was ist ein Baustein aus diesem Teil der Realität ? « auf zwei Weisen
zu beantworten, die nicht gleichzeitig anwendbar sind.

Dieses Problem, das durch die Existenz eines Quantums bedingt ist und sich im Dualismus zeigt, versuchte Niels Bohr ( 1885 - 1962 ) in den zwanziger Jahren durch
eine erkenntnistheoretische Überlegung zu lösen.

Um über die Situation, in die die Physik geraten war, reden zu können, erfand er 1927 den Begriff der KOMPLEMENTARITÄT. Bohr beabsichtigte mit diesem Kunstwort,
» beständig an die Schwierigkeiten zu erinnern, die ... davon herrühren, daß alle gewöhnlichen Worte der Sprache von unseren Anschauungsformen geprägt sind, von deren Standpunkt aus die Existenz eines Wirkungsquantums eine Irrationalität ist «.

Bohr betonte, daß zum Beispiel bei der Beschreibung des Lichtes weder der Begriff
des Teilchens noch der der Welle aufgegeben werden darf, denn beide geben wirkliche
Erfahrungen wieder. Sie werden allerdings nicht gleichzeitig gemacht, sondern nur unter
Bedingungen, die sich gegenseitig ausschließen. Wer prüft, ob Licht eine Welle ist,
kann nicht zugleich dessen partikuläre Eigenschaften feststellen. Bohr charakterisierte
Welle und Teilchen als komplementäre Bilder des wirklichen Geschehens. Allgemein
sprach er von der Komplementarität intuitiver Begriffe, die sich ergänzen, indem
sie einander widersprechen.

Der Rückgriff auf die KOMPLEMENTARITÄT wird also erforderlich, wenn man den angestammten Bereich der Wirklichkeit verläßt und in den Mikrokosmos vordringt.
Nur solange wir im » Mesokosmos «, der gewohnten Welt der mittleren Dimensionen, bleiben, reicht das Netz unserer Sprache aus, um die Wirklichkeit einzufangen.
Nur hier passen unsere Denkformen, unsere Kategorien, auf die Realstrukturen.
Darüber hinaus — also im Mikro- und Makrokosmos — gibt es dafür keine Garantie mehr, wie vor allem im Rahmen der Evolutionären Erkenntnislehre deutlich wird.

Dabei stellt sich ein großes Problem der Erkenntnistheorie : Wie ist es möglich,
daß wir uns auf diesem uns nicht zugänglichen Niveau zurechtfinden?
Oder : Wie, beziehungsweise wieso verstehen wir Atome? Bohr bot hier die Komplementarität als eine Krücke des Denkens an, die uns hilft, einen Weg zu finden.

 
 
In gewisser Weise stellt Bohrs Idee der KOMPLEMENTARITÄT den Versuch dar,
» einen Ausdruck für die Harmonie des Daseins zu finden «. So gesehen, erinnert
sein Gedanke an uralte Vorstellungen, die in vielen Kulturen aufgetaucht sind,
daß nämlich grundlegende Prinzipien als polare Paare existieren.
 

Die Chinesen stellen dies als YIN — YANG — Symbol
dar, und Aristoteles nennt in seiner » Metaphysik « zehn polare Begriffspaare, wie sie die Pythagoreer kannten:
» Begrenztes und Unbegrenztes, Gerade und Ungerade
( Zahlen ), Eines und Vieles, Rechtes und Linkes,
Männliches und Weibliches, Ruhendes und Bewegtes, Gerades und Krummes, Licht und Finsternis,
Gutes und Böses, Rationales und Irrationales.«

   
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Diese Grundidee der Dualität und Polarität in den Erscheinungen ist immer wieder aufgegriffen worden. Johann Wolfgang von Goethe zum Beispiel war überzeugt, daß polare Prinzipien » bei jeder Betrachtung, bei jedem Vortrag durcheinander wirken «.
Er meinte das Allgemeine und das Besondere, das Materielle und das Geistige, die Sinnlichkeit und die Vernunft.

Dennoch wurde diese Denkerfahrung nie wirklich ernst genommen.
Nur die Pole selbst schienen von Bedeutung zu sein,
nicht aber die Spannung zwischen ihnen

Diese Situation änderte sich merkwürdigerweise mit der Physik des Lichtes und
der Atome, wie sie in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts entwickelt wurde.
Die Frage » Was ist Licht ? « konnte tatsächlich nur noch dadurch beantwortet werden, daß man sich schwebend zwischen zwei Polen bewegte, dem der Welle einerseits
und dem des Teilchens andererseits.

Die physikalische Wirklichkeit konnte demnach nur verstanden werden, wenn man komplementäre Gesichtspunkte berücksichtigte, die zwar nicht gleichzeitig anwendbar
sind, sich aber gegenseitig bedingen. Jeder für sich allein trifft nicht zu. Dies tun nur
beide Aspekte zusammen. Dabei gibt es für jede zutreffende Beschreibung der
Wirklichkeit eine ebenfalls zutreffende komplementäre Beschreibung.

Zu diesem THEMA im nächsten Monat einige Textauszüge mehr.